Verschwörung oder Fakt? – "Freimaurer" (7): DAS SARAJEWO-KOMPLOTT (III)

Das Attentat  auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand 1914 in Sarajewo, das unmittelbar den Ausbruch des 1. Weltkrieges zur Folge hatte, ist unauslöschlich in das Weltengedächtnis eingebrannt. Immer wieder werden „Verschwörungstheorien“ laut, dass die Attentäter Freimaurer waren und Franz Ferdinand einem freimaurerischen Komplott zum Opfer gefallen war.

Nachfolgend möchte ich Licht ins Dunkel dieser „Verschwörungstheorie“ bringen und darauf hinweisen, dass eine solche eine Theorie OHNE Fakten ist. Dennoch sprechen viele Belege, Beweise und Indizien dafür, dass die „Verschwörung“ tatsächlich eine solche war. Vorab möchte ich Kritiker bitten, die nachfolgenden (historischbelegten) Recherchen zu widerlegen, auch wenn sie so nicht in das „Mainstreamweltbild“ passen. Quellen gebe ich am Schluß der Texte an.

„Freimaurer-Komplott“ Sarajewo

Wie ich bereits in den vorangegangenen Kapiteln erläutert habe spielt Serbien in der Verschwörung gegen Erzherzog Franz Ferdinand eine bedeutende Rolle.

In Serbien wirkte die Freimaurerei politisch sehr stark. Insbesondere im Befreiungskampf gegen die Türken für ein unabhängiges Serbien, spielten sie eine maßgebliche Rolle. Als Beispiel möchte ich den Freiheitskämpfer Petar Ičko nennen, der später erster Bürgermeister des freien Belgrad wurde. „Die Verdienste der Freimaurer um die Schaffung des neuen serbischen Staates zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren damals allgemein anerkannt“, ist dazu im „Internationalen Freimaurer Lexikon“, S. 778 zu lesen. Ohne näher auf diese Fakten einzugehen, die in der vorangegangenen Quelle nachzulesen sind, möchte ich noch erwähnen, dass 1890 – neben anderen davor und danach – unter dem Schutz der „Symbolischen Großloge von Ungarn“ die Loge „Pobratim“ gegründet wurde, die sich später selbständig machte. In ihr sollen sich reiche und vor allem patriotische Serben mit großen Geldmitteln vereinigt haben.

Die Freimaurerei wird nicht müde immer und immer wieder herunterzubeten, daß weder „die Mörder von Sarajevo noch ihre Hintermänner…jemals einer Loge angehört oder zu einer solchen Beziehungen unterhalten“ haben („Internationales Freimaurer Lexikon“, S. 897). Aber stimmt dies auch?

Bezweifelt wird dieser Sachverhalt von vielen Forschern und Publizisten. Ich möchte an dieser Stelle nur eine Meinung dazu wiedergeben, die von einem Enthüllungsjournalist stammt, der natürlich als Verschwörungstheoretiker abgestempelt wird, wie soll es auch anders sein und die für viele andere steht (unter denen es gewiss auch unseriöse Publizisten gibt), dem Amerikaner Jim Marrs: „Nach einer im Jahre 1952 veröffentlichten freimaurerischen Publikation waren die Mörder Ferdinands, der bosnische Serbe Gavrilo Princep, und mehrere seiner Gesinnungsgenossen Freimaurer, die von Apis durch seine Enthüllung des Geheimabkommens zwischen dem Vatikan und Serbien aufgestachelt worden waren. Der Tod Ferdinands löste eine Kettenreaktion von Ultimaten und Mobilmachungen aus, die schließlich dazu führten, dass sich der Krieg schon bald vom Balkan aus über ganz Europa erstreckte.“

Um dem Vorwurf der puren „Verschwörungstheorie“ entgegen zu wirken, möchte ich nachfolgend genaue Recherchen zu diesem wichtigen Sachverhalt wiedergeben.

Eine maurerische serbische Schlüsselfigur ist hierbei Svetomir Nikolajević (1844 – 1922), der nicht nur Bürgermeister von Belgrad, Staatsrat, Minister des Innern, sondern auch serbischer Ministerpräsident war. 1878 wurde er in die Belgrader Loge „Luce die Balkani„ aufgenommen, war Mitglied der Loge „Sloga, Rad i Postojanstvo“, Mitbegründer der Logen „Srpska Zadruga“ und „Pobratim“, von der er auch Meister vom Stuhl und Ehrenmeister war. 1908 erließ er als damaliger serbischer Ministerpräsident und Großmeister der Belgrader Loge an sämtliche europäischen Freimaurer einen Erlass, worin er die Serben aufforderte „in ihrem Kampf gegen Österreich die werktätige Unterstützung aller maurerischen Brüder zuteil werden zu lassen.“ Auch in Ungarn, Italien und Paris versuchte er die leitenden maurerischen Brüder für Serbien zu gewinnen. In unmittelbarer Folge dieses Erlasses wurden verschiedene politische Geheimbünde in Serbien gegründet, die zum Teil sehr enge Beziehungen zur Freimaurerei besaßen. Darunter auch die bereits mehrfach angeführte „Schwarze Hand“, die, wie ich schon erläutert habe, eng mit den Verschwörern und Attentätern von Sarajewo verbunden war. In „Berliner Monatshefte für internationale Aufklärung“ vom April 1928 wird davon gesprochen, dass das österreichische Generalkommando im Herbst 1915 Nachforschungen in Belgrad über das Wesen der „Schwarzen Hand“ anstellen ließ und dabei Schriften entdeckte, aus denen hervorging, „daß die örtlichen Ausschüsse der Schwarzen Hand Geheimabteilungen hatten, von denen mehrere, insbesondere aber deren Abteilungen für Äußeres, mit der Belgrader Freimaurerloge ‚Pobratim’ in enger Führung standen und von dieser sowie ihrem Obmann, dem Minister a.D. und Universitätsprofessor Swetomir Nikolaijewitsch (Nikolajević/d.A.) Aufträge erhielten.“

Ein anderer Geheimbund, der im Zuge des Aufrufs des Freimaurers und Ministerpräsidenten ins Leben gerufen wurde, war der „Narodna Odbrana“ („Nationale Verteidigung“), zu der die Attentäter von Sarajewo ebenfalls enge Verbindungen hatten. Im selben Haus, in dem dieser Geheimbund seinen Sitz hatte, hielt auch die Belgrader Loge ihre maurerischen Arbeiten ab.

Unter dem „Höchsten Rat des Schottischen Ritus“, dem „Suprême Conseil von Serbien“ sollen sich Mitglieder unter der Leitung des serbischen Ministerpräsidenten  Nikolas Pašić und Obertst Dragutin Dimitrijević, Chef des Geheimbundes „Schwarze Hand“ zusammengefunden haben.

Über „gefälschte“ Gerichtsprotokolle und maurerische Gegenexperten

Der Prozeß gegen die Attentäter von Sarajewo hatte eine so immense Bedeutung, wie kein anderes zuvor. Über die einzelnen Urteile habe ich bereits informiert.

1917 wurden die Gerichtsakten dazu von Dr. Josef Kohler veröffentlicht. Ein Jahr später erschienen sie im Buch „Der Prozeß gegen die Attentäter von Sarajewo – Aktenmäßig dargestellt von Prof. Pharos, mit Einleitung von Geh. Justizrat Prof. Dr. Josef Kohler“. Es stammte aus dem amtlichen Stenogramm der Gerichtsverhandlung, mit Abbildungen der Anstifter und Attentäter, dem Attentatsort, einem Plan von Sarajewo und einer Karte von Bosnien.

Der Historiker Wolfgang Eggert meint: „Bezeichnenderweise aber hat man über den Verlauf derselben sowie seine Ergebnisse bis auf den heutigen Tag so gut wie nichts gehört und die Prozessprotokolle sind selbst in historischen Staatsarchiven kaum noch zu finden. Der Grund für dieses ins Auge springende Missverhältnis ist einfach: Hartnäckige Zweifler werden in diesem Zeitdokument die letzte Bestätigung für die Verwicklung des Logentums in die Schüsse von Sarajewo finden.“

Natürlich haben die Freimaurer alles getan, um diese Gerichtsprotokolle beziehungsweise deren Verfasser zu diskreditieren. Wie sollte es auch anders sein, denn dieser „Gerichtsbeweis“ würde alles umwerfen, was die Logenbrüder immer und immer wieder betonen, bis heute, sich weder politisch zu betätigen und gleich gar nicht in das folgenschwere Attentat von Sarajewo verwickelt gewesen zu sein, das den 1. Weltkrieg zur Folge hatte.

Beleuchten wir kurz die beiden Autoren, die die Gerichtsakten in einem Buch herausgaben:

Hinter dem Pseudonym „Pharos“ stand der Jesuit Anton Puntigam, der dem ermordeten Thronfolgerpaar die Letzte Ölung spendete und ihre Leichname einsegnete. Als Beweisstücke wurden im Prozess drei Faustfeuerwaffen der Attentäter zugelassen, die Puntigam später für ein geplantes „Franz-Ferdinand-Museum“ benutzen durfte. Soweit kam es jedoch nicht, weil die Habsburgermonarchie in der Folge zusammenbrach.

Dr. Josef Kohler war Jurist im Goltdammers Archiv für Strafrecht und Strafprozess, Geheimer Justizrat und Universitätsprofessor.

Gegen Kohler war es wohl schwerer vorzugehen als gegen Puntigam als Jesuit, deshalb wurde er zunächst von der Freimaurerei attackiert. Sein Buch würde „jeder tatsächlichen Grundlage entbehrende Behauptung abhandeln, die Freimaurer seien mittelbar oder unmittelbar an dem Attentat in Sarajevo beteiligt gewesen,“ heisst es dazu im „Internationalen Freimaurer Lexikon“ (S. 681). Der französische Historiker Albert Mousset, der die stenografische Niederschrift der Verhandlungen des Strafprozesses gegen die Mörder von Sarajewo aus der serbokroatischen Ursprache ins Französische übersetzte, hätte 1930 den Nachweis erbracht, dass die „aktenmäßige Darstellung“ von Puntigam hauptsächlich da, „wo von der Freimaurerei die Rede ist, wesentliche Textänderungen, Streichungen, Kürzungen, Verstümmelungen, Umfärbungen und willkürliche Einfügungen aufweist, die manche Wendung in ihr Gegenteil verkehren.“ Dies alles will Stephan Kekule von Stradonitz 1931 in seinem Buch „Der Mord von Sarajewo“ auf einen Nenner gebracht haben. „Das gesamte, diese Lügenbildung betreffende Material ist zusammengestellt in einem Verlag des Vereins deutscher Freimaurer, Leipzig 1931 erschienenen Broschüre von Dr.jur.et.phil. Stephan Kekule von Stradonitz…“ heisst es dazu im „Internationalen Freimauer Lexikon“ (S. 740). Zunächst muss jedem aufmerksamen Leser einfach auffallen, dass auf einen Autor verwiesen wird, der im „Verlag deutscher Freimauer“ publiziert hat und sich selbst fragen, wie objektiv dabei das Ganze sein kann und ob es nicht eher wie eine Propaganda-Streitschrift, als eine neutrale historische Untersuchung aussieht. Dazu gleich mehr…

Abgesehen davon, dass Puntigam also wissentlich nicht nur Übersetzungsfehler, sondern eine bewusste Manipulation der mitstenografierten Gerichtsprotokolle unterstellt wird, kann man das Ganze natürlich auch umdrehen: warum „entdeckt“ erst 13 Jahre später ein französischer Historiker diese angeblichen Ungereimtheiten? Kann es nicht sein, dass er Übersetzungsfehler gemacht hat? Warum schreibt ein renommierter Jurist wie Josef Kohler ein Vorwort zu einer Zusammenfassung dieser Protokolle, wenn diese, betreffs Freimaurerei, salopp gesagt, erstunken und erlogen sind? Und vor allen Dingen, warum beziehen sich die Freimaurer bei ihrer Argumentation vor allem auch auf Stradonitz erschienenes Buch?

Eigentlich ist es ganz einfach, denn Stradonitz, der über diese angeblichen Fälschungen berichtet, ist selbst ein Logenbruder, nur wird dies mit keinem Wort und nirgends in der ohnehin dünnen Argumentationskette der Freimaurer erwähnt! Ein Fauxpax erster Güte.

Der Privatgelehrte Dr. jur., Dr. phil. Stephan Kekule von Stradonitz (1863-1933), Rechtsbeistand des Fürsten von Schaumburg-Lippe (zumindest einer dieser Adelsfamilie war Freimaurer, nämlich Albrecht Wolfgang Graf von Schaumburg-Lippe, Mitglied der Londoner Loge „Rummer and Grapes“, eine Loge in Stadthagen trägt sogar seinen Namen) wurde 1904 in die Berliner Loge „Drei Lichter im Felde“ aufgenommen! Genau daraus ergab sich dann auch sein umfangreiches maurerisches Schrifttum. Erwähnt seien an dieser Stelle lediglich die „Bundesblätter“, die von der „Grossen National-Mutterloge ‚Zu den Drei Weltkugeln’ in Berlin“ herausgegeben wurden und für die Stradonitz für einige Ausgaben sogar als „Schriftleiter“ arbeitete und zwar auch nach seinem scheinbaren Enthüllungsbuch, das die Attentäter von Sarajewo von der Freimaurerei frei sprechen sollte! Zu dem verfasste der maurerische „Zeuge“ Bücher wie „200 Jahre freimaurerische Gebrauchsgraphik“ (erschienen 1930).

Interessanterweise erscheint Stradonitz nicht als Freimaurer im „Internationalen Freimaurer Lexikon“, in dem weit unbedeutendere Brüder erwähnt werden. Warum wohl nicht? Um wohl nicht selbst zugeben zu müssen, dass er selbst ein Freimaurer gewesen ist und damit die ganze Argumentationskette zusammenfallen würde!

Also noch einmal: die Freimaurer berufen sich auch auf das Buch eines Logenbruders als Gegenargument dazu, dass der Jurist Kohler und auch Puntigam die Protokolle falsch verfasst, wider- oder herausgegeben haben (zumindest bei Puntigam aber auch Kohler wird diese Fehlerhaftigkeit indirekt unterstellt, weil er ja gerade als juristischer Experte das Vorwort zu der Abschrift geleistet hat). Das ist, gelinde gesagt ein Skandal!

Lassen wir deshalb neben Kohler/Puntigam und Stradonitz einen weiteren Experten zu Wort kommen, den Historiker und Sarajewo-Forscher Friedrich Würthle, dessen Buch „Dokumente zum Sarajevoprozess. Ein Quellbericht“ 1978 vom Österreichischen Staatsarchiv als „Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs, Ergänzungsband 9“ herausgebracht wurde. Darin heisst es: „Was nun jene Dialogstelle betrifft, in denen die Freimaurer genannt werden, so muß man zugeben, daß sie deutlich überbetont, aber nicht gefälscht wurden.“

Halten wir also fest, dass der Historiker Würthle zwar von einer Überbetonung des freimaurerischen Sachverhalts spricht, aber von keiner Fälschung! Angesichts dessen, dass die Freimaurer unter anderem einen eigenen Logenbruder aufgebracht haben, diese Protokolle in dieser Hinsicht zu widerlegen und andere Forscher zum Ergebnis kommen, sowie ein renommierter Rechtsexperte das Vorwort dazu geschrieben hat, dass diese nicht gefälscht sind, müssen wir also von der Echtheit ausgehen. Ein weiterer Aspekt: Auch die Zeitung die „Stimmen aus Bosnien“ hat teilweise darüber berichtet (Juli 1915, S. 11f.).

„Logenbrüder“ vor Gericht

Wenden wir uns nun also den brisanten Aussagen zu, die die Freimaurer so vehement bekämpfen, um jegliche Schuld am Ausbruch des 1. Weltkrieges von sich zu weisen.

Zum einen wird vom Gericht festgehalten, dass „…wir wissen, dass die Hauptvereinigung, in der sich die destruktiven Kräfte sammelten, die ‚Narodna obrana’, nicht nur Freimaurer enthielt, sondern, daß ihre Häupter Freimaurer waren…“

Zum anderen wird einer der Hauptangeklagten, Gavrilo Princip, gefragt, ob der Mitangeklagte Milos Ciganović, Freimaurer wäre, worauf Princip antwortet: „Ja, Ciganović sagte mir, er sei ein Freimaurer. Als ich mich bezüglich der Mittel zur Ausführung des Attentats an ihn wandte, sagte er mir und betonte es, er werde mit einem gewissen ‚Mann’ sprechen. Er werde von diesem Mittel zur Ausführung des Attentats bekommen. Bei einer anderen Gelegenheit erzählte er mir, der österreichische Thronfolger sei in der Loge von den Freimaurern zum Tode verurteilt worden.“ Ferner erklärt Princip, auch Cabrinović habe geplant in die Loge einzutreten. Selbst auf eine Mitgliedschaft angesprochen verweigert er zunächst die Aussagen, um diese dann später zu bestreiten.

Der Mitangeklagte Nejedlo Cabrinović antwortet auf die Frage, ob auch Major Vojin Tankosić, der Mitglied des Zentralkomitees der „Schwarzen Hand“ und Stellvertreter von Oberst Dimitrijević war, ein Freimaurer sei: „Ja und Ciganović ebenso.“

Als er selbst nach einer Logenmitgliedschaft gefragt wird, scheint er verwirrt und schweigt eine zeitlang. Dann schaut er seinen Verteidiger an. „Was fragen Sie mich darum? Ich kann darauf nicht antworten…Bitte mich das nicht zu fragen. Ich werde darauf nicht antworten.“ In Bruder Stradonitz Werk liest sich die Antwort so: „Warum fragen Sie mich dies? Ich kann es Ihnen nicht sagen…Ich bitte, daß man über diese Frage hinweggehe; ich kann darauf nicht antworten.“

Trifko Grabez, der weitere Hauptangeklagte, weist später direkt darauf hin, dass Cabrinović Mitglied der Loge sei. Der Historiker Wolfgang Eggert gibt dafür die Quelle Stradonitz an (S. 17)!

Wäre Nejedlo Cabrinović kein Logenbruder gewesen, dann hätte er dies von Anfang an gesagt. So aber erinnerte er sich wohl aber an den Logenschwur.

Doch Cabrinović ergänzt weiter, dass die Freimaurerei, vertreten durch Tankosić und Ciganović, insofern Beziehung zum Attentat habe, „als sie mich in meiner Absicht (also Franz Ferdinand zu ermorden/d.A.) bestärkten. Im Freimaurertum ist es erlaubt zu töten. Ciganović sagte mir, daß die Freimaurer den Erzherzog Franz Ferdinand schon vor einem Jahr zum Tode verurteilt hätten.“

Bei Bruder Stradonitz liest sich das so: „(Gerichts-)Präsident: ‚Verherrlicht die Freimaurerei das Begehen von Attentaten gegen die Inhaber der Macht? Zum mindesten, wissen Sie etwas über diesen Gegenstand?’ Cabrinović: ‚Sie verherrlicht es. Ciganović hat mir selbst gesagt, dass der verstorbene Ferdinand von den Freimaurern zum Tode verurteilt war…“

Ferner erzählt Cabrinović von Dr. Radoslaw Kazimirović (einer der Führer der „Narodna Odbrana“; der Historiker Eggert benennt ihn als einen Hochgradfreimaurer), der „im gewissen Sinne eines ihrer (der Freimaurer/d.A.) Häupter“ war, wie auch der Attentäter zu erzählen weiss. „Er fuhr sofort danach (nachdem sie sich für das Attentat angeboten hatten) ins Ausland. Er bereiste den ganzen Kontinent. Er war in Budapest, in Russland und in Frankreich. Jedesmal wenn ich Ciganović fragte, wie es mit unserer Angelegenheit (dem Attentat) stehe, antwortete er mit immer: ‚Erst dann, wenn er (Kazimirović) zurückkommt.’ Damals sagte mir auch Ciganović, daß die Freimaurer bereits vor zwei Jahren den Thronfolger zum Tode verurteilt haben, doch hätten sie keine Leute gehabt, die dieses Urteil vollstreckten… (Ciganović) sagte mir, als er mir einen Browning mit Patronen übergab: ‚Der Mann (Kazimirović) ist gestern abend aus Budapest zurückgekehrt.’ Ich wusste, daß er diese Reise im Zusammenhang mit unserer Angelegenheit unternahm und mit bestimmten Kreisen im Ausland Besprechungen hatte.“

Auf die Frage des Gerichtspräsidenten an Cabrinović, ob dies auch keine Märchen seien, die er da erzählte, antwortete der Attentäter: „Das ist die reinste Wahrheit und hundertmal wahrer als Ihre ganzen Dokumente über die Narodna Odbrana.“

Der ehemalige Großmeister der Großloge von Österreich Bernhard Scheichelbauer und der Ex-Großbibliothekar der Loge Gustav Kuéss zitieren den französischen Historiker Albert Mousset, der 1930, ebenfalls den angesprochenen Kazimirović zitiert, der natürlich alles abstreitet und von einer „abgefeimten Lüge“ spricht. Kein Wunder, dass dieser natürlich nicht die Beteiligung an einem Attentat und dann noch dieses Ausmaßes zugibt.

Doch es gibt noch weitere Erkenntnisse zur Verbindung der Freimaurer zu den Sarajewo-Mördern:

Milos Ciganović, der den Attentätern nicht nur Waffen aushändigte, sondern ihnen auch Schießunterricht erteilte, war also nicht nur Mitglied der „Schwarzen Hand“, sondern auch Freimaurer (folgt man den zeithistorischen Quellen, die oben aufgeführt worden sind). Er soll sich wie der „Vollstrecker“ Gavrilo Princip vorher in Paris aufgehalten haben. Spekulationen wurden laut, dass sie dabei ihre Brüder des „Grand Orient de France“ besucht haben sollen. Diesbezüglich schrieb der englische Schriftsteller C.H. Norman in seinem Aufsatz „Grand Orient – Zwischenfälle am Sonntag dem 28. Juni 1914 in London“ und sich dabei auch auf britische Presseberichte bezog: „Es besteht Grund zu der Annahme, daß Princip, der Mann, der nach dem missglückten Bombenangriff die Pistole abfeuerte, sich einige Wochen vor dem Mord in London aufhielt, da er zweifellos in Paris gewesen ist.“ Jüri Lina berichtet in „Under the Sign of the Scorpion. The Rise and Fall of the Soviet Empire“, dass sich der freimaurerische Attentäter Ciganović vor dem Attentat in Paris aufgehalten hätte. Und auch der Historiker Friedrich Würthle meint: „…ebenso war Ciganović, der den Verbrechern Geld, Bomben und Pistolen gab, ein Freimaurer, ebenso einige der jugendlichen Verbrecher selbst, wenn sie auch zunächst ableugneten. Der Großorient wollte hier seinen Hebel ansetzen, um von diesem Punkt aus das katholische Österreich und damit den germanischen Staat zu zertrümmern.“

Und auch der Jurist und Universitätsprofessor Josef Kohler geht davon aus, dass der Beweis dafür erbracht worden war, der „Grande Orient de France“ hätte die Propaganda gegen Österreich-Ungarn gefördert, sowie die „Narodna Odbrana“ wäre von Freimaurern geleitet gewesen und Vojin Tankosić sei in eine französische Loge aufgenommen worden. Auch meint Kohler, dass Milos Ciganović ebenfalls Freimaurer gewesen ist.

Meines Erachtens ist es der Freimaurerei nicht gelungen ihre Beteiligung am Doppelmord in Sarajewo zu beweisen. Im Gegenteil sprechen die zeitgeschichtlichen Quellen eine andere Sprache. Und diese mit nationalsozialistischer Propaganda einfach beiseite zu wischen, wie es ja beliebt ist, fruchtet ebenfalls nicht, denn die historischen Fakten haben bereits bestanden, bevor es den Nationalsozialismus überhaupt in seinen Anfängen gab. So müssen sich die Freimaurer wohl etwas anderes einfallen lassen, um diese zu widerlegen. Aber bitte nicht mit irgendwelchen Gutachten oder Expertisen von Logenbrüdern oder von in Auftrag gegebenen Studien Freimaurernahestehenden Experten. Dies würde zu einer noch größeren Unglaubwürdigkeit ihrer Argumentationen führen.

Quellen

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Stradonitz, Stephan“ in: „Institut Deutsche Adelsforschung“ (http://home.foni.net/~adelsforschung/lex67.htm/Zugriff: 23.07.09)/“Publikationen von Stephan Kekule von Stradonitz“ in: „Katalog der Deutschen Nationalbibliothek“ (https://portal.d-nb.de/opac.htm?method=simpleSearch&query=stradonitz/Zugriff: 23.07.09) und im „Antiquariat Wilfried Melchior – Volkskunde – Freimaurer“ (http://www.buchfreund.de/results.php?q=stradonitz/Zugriff: 23.07.09)/“Stimmen aus Bosnien“ v. Juli 1915, S. 11.f (zit. nach Eggert Band 1)/John Daniel: „Two Faces of Freemasonry – A Picture Book Supplement to Volume One – Third Edition of Scarlet and the Beast – A History of the War between English and French Freemasonry“, Day Publishing, Longview TX, 2007, S. 428-430 (http://www.scribd.com/doc/13029897/2-faces-Freemasonry-John-Daniel-Complete/Zugriff: 23.07.09/Theodor v. Sosnosky: „Franz Ferdinand, der Erzherzog-Thronfolger – Ein Lebensbild“, München und Berlin 1929, S. 212/Graf Ottokar Czernin: „Im Weltkriege“, Berlin/Wien 1919, S. 58/ Robert A. Minder: „Freimaurer Politiker Lexikon“, Innsbruck 2004, S. 123, 124/Günter K. Kodek: „Zwischen verboten und erlaubt – Chronik der Freimaurerei in der österreichisch-ungarischen Monarchie 1867-1918 und der I. Republik 1918-1938“, Wien 2009, S. 13, 26, 32-39, 192/Dorthy Gies McGuigan: „Familie Habsburg 1273 – 1918, Glanz und Elend eines Herrscherhauses“, Wien/München 2007, S. 584, 585, 602-609/S.Fischer-Fabian: „Die deutschen Kaiser – Triumph und Tragödie der Herrscher des Mittelalters“, Bergisch Gladbach 2003, S. 61ff./Friedrich Weissensteiner: „Die großen Herrscher des Hauses Habsburg – 700 Jahre europäische Geschichte“, München 2009, S. 371ff., 388ff.

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