»Eur-Opa« vergewaltigt Griechenland

Turning back the Mythology: »Eur-Opa« vergewaltigt Griechenland

Ein Essay von Guido Grandt

Bei Zeus: Die griechische Mythologie verkehrt sich in heutigen Tagen genau ins Gegenteil. Und keiner merkt’s.

Königstochter Europa aus dem Land Phönizien war all das, was »Mann« sich wünschte: Klug, schön und sexy. Das bekam auch schnell Göttervater Zeus mit, der – hoch oben auf dem Olymp – schon längst frivole Blicke auf die Kleine geworfen hatte. Mit Blitz und Donner versteht sich, um gleich mal mächtig Eindruck zu schinden. Es gab nur einen Haken: Zeus war mit der eifersüchtigen Hera verheiratet. Einerseits fürchtete er ihren Zorn, andererseits verbrannte die Leidenschaft nach der schönen Europa sein Herz. Da weder ein Mann und gleich gar kein Göttervater eine gespaltene Persönlichkeit sein sollte, spannte er seinen Sohn Hermes für seine List ein: Er wies ihn an eine Herde Rinder von Agenor aus an den Strand zu den Mädchen zu treiben. Gesagt getan: Hermes hatte wohl genug von göttlichen Backpfeifen seines Daddys und trieb das Vieh ans Meer. Darunter auch Zeus, der, superpraktisch, sich einfach in den wundervollsten Stier verwandelt hatte. Glattes Fell, glänzend wie Gold, auf der breiten Stirn ein schneeweißer Fleck, der wie ein kostbares Diadem aussah, die Hörner gleichmäßig gewachsen und wie edler Bernstein gefärbt. Klaro, dieser Hammer-Stier stach natürlich seine Artgenossen aus. Europa-Girlie streichelte und fütterte ihn, küsste ihn auf die Stirn und sagte den anderen Mädchen, dass dies wohl der »König der Stiere« sei. Dann kletterte sie auf seinen Rücken und Hammer-Stier-Zeus legte los: Rannte ins Meer und schwamm weit hinaus, ohne auf das Geplärre von Europa zu hören. Dann endlich – gemessen in Titanic-Zeit fast unendlich – Land in Sicht: Kreta. Dort stieg Europa ab und Stier-Zeus verschwand wie Django im Morgengrauen. Aber nur um gleich wieder als junger Mann zurückzukehren. Der flötete ihr, dass dies nun ihr neues Reich sei, das sie nach ihrem Namen nennen könnte: Europa Und dann fiel der schamlose Göttergenosse über die schöne Prinzessin her und vergewaltigt sie kurzerhand. Danach wollte sich Europa von einer Klippe in den Tod stürzen. Doch Göttin Aphrodite verhinderte dies, weil sie gerade noch rechtzeitig erschien und ihr diese Schnapsidee ausredete. Monate später, als Ergebnis der Vergewaltigung von Göttervater Zeus, wurde Minos geboren. Und dann noch Rhadamantys und Sarpedon. Schließlich beherrschten alle drei das große Reich, das noch heute Europa heißt…

Die griechische Sage wiederholt sich. Allerdings im Uhrzeigersinn: Dieses Mal ist es nicht der Grieche (Zeus), der Prinzessin (Europa) vergewaltigt, sondern umgekehrt: Europa, Verzeihung, „Eur-Opa“ – die Europäische Union – vergewaltigt Griechenland. Seit unendlichen Monaten schon. Und noch immer sitzt die göttliche Übervaternation auf dem Akropolis-Land wie ein brünstiger, verwahrloster, stinkender, besserwisserischer Greis auf einer Jungfrau. Sein Zauberstab, man möge es mir verzeihen, besteht, freilich nur symbolisch, aus Gasmaske, Schild und Schlagstock, Tränengas, Blendgranate und Pfefferspray. Nach dem „Eur-Opa“ die wehrlose Kleine unter sich – natürlich erst nach dem verbotenen, gottlosen Akt – bis ins Mark ausgesaugt hat, lässt er sie auch noch ausbluten: Mit Reform- und Sparprogrammen, Lohn- und Rentenkürzungen, Preis- und Mieterhöhungen, der höchsten Arbeitslosenquote aller Zeiten im EU-Raum und vieles Verwerfliches und Verderbliches mehr. Welch eine Schande so mit der Wiege der europäischen Kultur und Philosophie umzugehen! Sokrates und Aristoteles, Platon und Pythagoras, um nur einige der griechischen Superstars zu nennen, haben sicher schon längst ihre ehrwürdigen Gebeine eingepackt, nachdem sie sich schlaflos in Athen in ihren Gräbern herumwälzten, um von hier wegzukommen. Schnell. Noch besser, auszuwandern: Nach Timbuktu oder Buxtehude. Oder gleich nach Brüssel. Dahin wo nun „Eur-Opa“ sitzt. Doch auch in dieser Hinsicht erleben wir ein „Turning back the Mythology“: Denn als Zentrum Europas gilt nicht Brüssel, sondern das griechische Kreta. Jene Insel im Mittelmeer, auf der Gottvater Zeus einst Prinzessin Europa vergewaltigte. Merkt ihr was?

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