Mitten in den Wirren des Zweiten Weltkriegs begann für meine Familie eine Odyssee, die von Hunger, Kälte, Bombenhagel und unvorstellbarer Grausamkeit geprägt war. Aus der Freien Stadt Danzig vertrieben, gejagt von Tieffliegern, gedemütigt in dänischen Lagern und gezeichnet von Verlusten, kämpften sie um jedes Leben – und oft auch um ihre Menschlichkeit. Es war eine Geschichte von Flucht und Überleben, aber ebenso ein Mahnmal gegen das Vergessen.
TEIL 1
»Bei einem dieser Angriffe stolperte meine Großmutter selbst über ein totes Baby. Und das rettete ihr und ihren Söhnen (also meinem damals siebenjährigen Vater und seinen Brüdern) das Leben, weil die Russen glaubten, sie getroffen zu haben«
Ich selbst bin von der Vertreibungsthematik betroffen – sozusagen ein »Nachgeborener« in der zweiten Generation von Flüchtlingen – denn meine Familie väterlicherseits gehörte ebenfalls zu den deutschen Vertriebenen.
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Damals lebte meine Verwandtschaft in der Freien Stadt Danzig im Stadtteil Schidlitz, die nach der Annexion am 8. Oktober 1939 durch das Deutsche Reich mit den umliegenden Gemeinden dem Reichsgau Danzig-Westpreußen angegliedert wurde.
Die einstige Hansestadt am südlichen Ende der Danziger Bucht und an der Weichselmündung gelegen, war einmal das Zentrum des Bernsteinhandels, aus der auch der 2015 verstorbene Günter Grass stammte. Der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger schrieb 2002 wiederum die Novelle Im Krebsgang über den dramatischen Untergang der Wilhelm Gustloff. Und hier scheint sich der Kreis zu meiner persönlichen Vergangenheit und dem Thema des vorliegenden Buches zu schließen. Mitunter macht das Schicksal wahrlich Winkelzüge …

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Bei der Flucht aus Danzig im Januar 1945 kam die Hälfte meiner Verwandtschaft durch die anrückende Rote Armee ums Leben. Meine Cousinen mussten unter Waffengewalt mitansehen, wie ihre Mutter (also meine Tante) von russischen Soldaten mehrmals hintereinander vergewaltigt wurde. Nicht viel später wurden die kleinen Mädchen selbst geschändet.
ZEITZEUGIN Klara Seidler erinnerte sich, als die Russen in Danzig einfielen: »‚Frau komm!‘ Wer nicht gleich mitging, wurde grausam geschlagen und letzten Endes doch gezwungen mitzugehen, meistens im Treppenflur oder auf der Treppe oder auch in den oberen zerstörten Stockwerken wurden die Frauen missbraucht, tierisch die Brüste zerbissen und furchtbar gequält; gleich immer von vielen hintereinander.«“[i] Und weiter: »Eine junge Frau mit drei kleinen Kindern wollte noch schnell im Keller nebenbei verschwinden, als die Horde sie überwältigte. Drei Kinder riefen: ‚Mutti, Muttilein!‘ Da nahm der eine Russe die Kinder und schlug sie an die Mauer. Das Knirschen vergesse ich mein Leben lang nicht. Dann nahm er sich als Nächstes die Frau vor. Sie kroch nachher in die Mottlau (Fluss/GG.), denn gehen, aufrecht halten, konnte sie sich nicht mehr (…)«[ii]
Meine Familie zog von Danzig weiter nach Gotenhafen, deren Bezirke Adlershorst und Koliebken direkt an das Staatsterritorium der Freien Stadt Danzig angrenzten. Um dorthin zu gelangen, mussten sie sich Flüchtlingstrecks anschließen, die das zugefrorene Haff überquerten.
Bei dieser unfassbar harten und grausamen Flucht griffen immer wieder sowjetische Tiefflieger und Jagdbomber (Jabos) an. Unzählige – vor allem Frauen, Kinder und Alte – wurden dabei getötet.
Meine Großmutter, die Augenzeugin von diesen Massakern wurde, berichtete mir später, wie die russischen Schützen mit ihren Bord-MGs die Wehrlosen ins Visier nahmen und feuerten. Bei einem dieser Angriffe stolperte sie selbst über ein totes Baby. Und das rettete ihr und ihren Söhnen (also meinem damals siebenjährigen Vater und seinen Brüdern) das Leben, weil die Russen glaubten, sie getroffen zu haben …
Schließlich erreichte meine Familie unter unmenschlichen Strapazen ihr Fluchtziel: Gotenhafen. Noch vor dem Einrücken der deutschen Truppen am 14. September 1939 hatte die Hafenstadt »Gdingen« (»Gdynia«) geheißen und zu Polen gehört. Danach wurde sie zu einem bedeutenden Stützpunkt der Kriegsmarine. An der Gotenhafener Anlegestelle Oxhöft lag neben vielen weiteren Flüchtlingsschiffen auch die Wilhelm Gustloff.
Doch meine Großmutter und ihre Söhne verpassten die Abfahrt. Hätten Sie dieses Schiff noch rechtzeitig erreicht, würde es mich und meinen Zwillingsbruder heute höchstwahrscheinlich nicht geben …
In der Folge warteten meine Großmutter und ihr Nachwuchs im Hafen auf eine weitere Fluchtmöglichkeit über die Ostsee. Neben ihnen stand ein dreijähriges Mädchen, einsam und verlassen. Es hatte seine Mutter verloren. Deshalb nahm meine Oma es zu ihren Söhnen hinzu. Aber dann fiel der nächste Bombenhagel auf Gotenhafen und das kleine Mädel wurde getötet.
Irgendwie schaffte es meine Familie mit anderen von Kummer und Leid schwer gezeichneten Vertriebenen doch noch auf ein Schiff – welches das war, weiß ich nicht – das sie schließlich über die Ostsee nach Dänemark brachte.
Mein schon vor zwanzig Jahren verstorbener Vater erinnerte sich daran, dass einer seiner damals ebenfalls kleinen Brüder unterwegs auf dem völlig überbelegten und engen Schiff stetig von einem Mann angestarrt wurde, der vor ihm saß. Mein Onkel (damals selbst noch ein kleiner Junge) bat die Mutter, sie solle diesem sagen, dass er wegschauen sollte.
Daraufhin erklärte sie ihm, dass der Mann längst tot sei.
FORTSETZUNG FOLGT!
LESEN SIE HIER WEITER UND ERFAHREN SIE DIE GANZE VERSCHWIEGENE WAHRHEIT ÜBER DAS LEID, DAS UNSEREN ELTERN UND GROSSELTERN VON DEN »BEFREIERN« ANGETAN WURDE:




Man hofft nur dass die verantwortlichen Kreaturen in der Hölle schmoren.