Lange vor den Massendeportationen und ethnischen Säuberungen des Zweiten Weltkriegs kam es bereits im Ersten Weltkrieg zu einem kaum bekannten Verbrechen: den Deportationen der ostpreußischen Zivilbevölkerung durch das Russische Kaiserreich. Zwischen 1914 und 1915 wurden nach dem Einmarsch der Zarenarmee in Ostpreußen tausende Deutsche – vor allem Frauen, Kinder und alte Menschen – verschleppt. Diese Verschleppungen sind ein kaum beachtetes Kapitel in der zeitgeschichtlichen Forschung – doch sie markieren den Beginn einer verhängnisvollen Linie: die Instrumentalisierung von Zivilisten als strategische Kriegsbeute. Während die »großen Verbrechen« des 20. Jahrhunderts – wie die Vertreibungen nach 1945 – mehr Aufmerksamkeit erhielten, blieben die Deportationen von 1914/15 im kollektiven Gedächtnis lange verborgen.


»Es war, als wären wir keine Menschen mehr. Wir waren Vieh, das man irgendwohin trieb. Manche beteten, manche weinten, manche waren schon wie tot, obwohl sie noch atmeten.«

Eine Überlebende der russischen Deportationen aus Ostpreußen

 

Bereits vor dem Ersten Weltkrieg Russlands Argwohn gegen alles Deutsche

Russlands Misstrauen gegenüber der deutschen Bevölkerung war kein spontaner Reflex des Krieges, sondern systematisch vorbereitet. Schon vor 1914 galten ostpreußische Männer im wehrfähigen Alter als »potenzielle Spione« – und wurden vorsorglich deportiert. Eine Form präventiver Einschüchterung.

Die Deportationen sollten – so russisches Kalkül – sowohl dem militärischen Sicherheitsbedürfnis dienen als auch mögliche Widerstandsnester ausdünnen. Familien wurden auseinandergerissen, Habseligkeiten konfisziert, die Menschen zu Zwangsmärschen gezwungen.

Dabei blieb die literaturwissenschaftliche und historische Beschäftigung mit diesen Verbrechen lange marginalisiert. Der Grund lag nicht an ihrer Geringfügigkeit – sondern daran, dass sie von noch größeren Katastrophen überschattet wurden: den Flüchtlingsströmen im Zarenreich selbst und den Vertreibungen des Zweiten Weltkriegs.

»Ethnische Feindbilder« – Die russische Invasion in Ostpreußen

Mit dem russischen Einfall in Ostpreußen im August 1914, bei dem binnen weniger Tage zwei Drittel der Provinz unter Kontrolle der Zarenarmee gerieten, brach eine Lawine von Flucht, Gewalt und Terror los. Zur selben Zeit befahl das Oberkommando in Petrograd, alle »unzuverlässigen Elemente« in das Kernland oder nach Sibirien abzuschieben. Widerstand bedeutete den sicheren Tod.

Die Härte der Besatzer Ostpreußens wurzelte in tief sitzenden Vorurteilen. Schon vor Kriegsbeginn hatten russische Offiziere »ethnische Feindbilder« kultiviert und die Deutschen als besonders gefährlich gebrandmarkt.


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Der Deutschbalte Paul von Rennenkampf, General der Kavallerie der russischen Armee und Generaladjutant von Zar Nikolaus II, der 1914 als Oberbefehlshaber der Njemen-Armee die Offensive gegen Ostpreußen anführte, ließ gleich zu Beginn der Invasion ein Flugblatt verbreiten:

 Bekanntmachung an alle Einwohner Ostpreußens:

Jeder Widerstand gegen die kaiserlich-russische Armee wird rücksichtslos bestraft, ohne Unterschied des Alters oder Geschlechts. Orte, an denen auch nur der kleinste Angriff geschieht, werden sofort niedergebrannt.

Unterzeichnet: von Rennenkampf, 18. August 1914.

»Gezielter Schlag gegen die Zivilbevölkerung«

Der britische Militärhistoriker Alexander Watson sprach von einem »gezielten Schlag gegen die Zivilbevölkerung«, der die Menschen sowohl physisch entrechten als auch psychologisch brechen sollte.

Die Wirklichkeit war grauenvoll genug: Massaker, Vergewaltigungen, Plünderungen, Deportationen.

Über 1.500 Menschen wurden getötet: erschossen, erschlagen, verbrannt. Ganze Dörfer verschwanden in Flammen.

 Mehr als 100.000 Gebäude wurden zerstört, ein Viertel aller Höfe und drei Fünftel aller Kleinstädte ruiniert.

Doch die eigentliche Tragödie in diesem Winter 1914/15 bedeutete auch, dass die Russen ganze Dorfgemeinschaften verschleppten: Insgesamt rund 13.000 Menschen, darunter 4.000 Frauen und 2.500 Kinder, wurden nach Russland und Sibirien deportiert.

Über ein Drittel starb auf den Märschen, Transporten oder in der Verbannung.

 Die Deutsche Ost-Dokumentation (Ost-Dok) aus den 1950er Jahren hielt fest, dass die russischen Behörden gezielt Listen führten, um Dorfgemeinschaften systematisch zu entvölkern.

Die Zivilisten flohen zu Hunderttausenden. 800.000 Ostpreußen – fast die Hälfte der Bevölkerung – verließen zeitweise ihre Heimat, versteckten sich in Wäldern, flohen nach Königsberg oder weiter ins Reich.

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2 Gedanken zu „»Verschleppt nach Sibirien« – Ostpreußens vergessene Massendeportationen durch die Russen (1914–1915) (1)“

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