Brennende Dörfer, erschossene Väter, vergewaltigte Frauen, tote Kinder: Ostpreußische Augenzeugen berichten vom russischen Einmarsch 1914, von Flucht, Terror und der Verschleppung ganzer Familien. Tausende Frauen und Kinder wurden nach Sibirien deportiert, ganze Landstriche entvölkert. Hinter jeder Zahl steht ein zerstörtes Leben – und ein Schrecken, der bis heute kaum gehört wird.
»Stimmen aus der Hölle«
- Bäuerin Anna Salamon (Schlagekrug, Kreis Johannisburg): »Wir mussten mehrfach vor den Russen fliehen. Zuerst am 3. August. Sie brannten Häuser nieder und töteten Menschen in der Gegend. Wir versteckten uns tagelang im Wald, kehrten nachts heim, um das Vieh zu füttern. Mehrfach kamen die Russen, brannten, plünderten, suchten nach uns. Eines Abends verlangte ein russischer Offizier bei uns Gänsebraten. Als ich mit einer Laterne hinausging, hielten mich Kosaken für ein Signal an deutsche Truppen und schossen auf mich. Ich überlebte knapp. Am Ende mussten wir alles zurücklassen und flohen mit den Kindern bis Rastenburg, schließlich nach Mohrungen. Dort sind wir heute untergebracht.«
- Anna S., Mutter von acht Kindern (Lokau bei Seeburg, Kreis Rößel): »Am 31. August griff eine Kosakenpatrouille unser Dorf an. Mein Mann hatte sich im Heu versteckt. Die Russen zündeten es an, er sprang heraus. Sie verlangten Geld. Er gab ihnen 200 Mark, flehte um sein Leben – wegen unserer acht Kinder. Die Russen sagten, sie würden ihn verschonen. Als er ein paar Schritte ging, erschossen sie ihn. Mein 14-jähriger Sohn Paul wurde angeschossen, mein 6-jähriger Sohn Joseph verbrannte mit dem Haus, ebenso die Amme und eine Magd. Ich floh barfuß mit meinen sieben übrigen Kindern, ohne Hab und Gut.«
- Gottliebe P., 48 Jahre: »Drei Russen drangen nachts in unser Haus ein. Sie zerrten mich hinaus, einer vergewaltigte mich, die anderen stachen mich mit Bajonetten. Ich erlitt sechs Wunden, mein Mann konnte mir nicht helfen, er fürchtete um sein Leben.«
- Henriette P., 51 Jahre: »Ein Kosak brach nachts ein, schleppte mich ins Nebenzimmer und vergewaltigte mich. Er hielt mir den Mund zu, misshandelte mich. Seitdem bin ich kränklich.«
- Bauer Bernhard F.: »Vierzig Kosaken stürmten unseren Hof. Wir flohen in ein Zimmer, beteten gemeinsam. Sie schlugen meine Frau halbtot, durchsuchten sie. Dann schleppten sie meinen einzigen Sohn Josef, 17 Jahre alt, davon. Er rief: ›Vater, hilf mir!‹ – ich schrie, flehte, bot alles an: Hof, Vieh, Geld. Sie lachten. Mein Sohn war verloren. Bis heute weiß ich nicht, ob er lebt.«

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»Höllen-Deportationen« nach Sibirien
Die Deportationen erfolgten in zwei Hauptwellen – zuerst während der russischen Invasion im Sommer 1914, anschließend während des »Großen Rückzugs« im Winter 1914/15.
Der britische Militärhistoriker Alexander Watson schätzt, dass während dieser Zeit ganze Dörfer betroffen waren. Konkret, dass bis zu 30 % der Bevölkerung in besetzten Gebieten deportiert wurden.
Nach offiziellen Berichten betrug die Gesamtzahl der Deportierten etwa:
| Herkunftsbezirk | Deportierte Personen |
| Allenstein | ca. 3.040 – 3.410 |
| Gumbinnen | ca. 6.449 – 9.044 |
| Königsberg | ca. 1.112 – 1.196 |
| Gesamt | ca. 10.685 – 13.566 |
Darunter waren etwa 4.000 Frauen und 2.500 Kinder. Doch hinter jeder Zahl stand ein Gesicht, ein Haus, ein zerstörtes Leben.
Ein ostpreußischer Pfarrer schrieb 1915 in sein Tagebuch: »Die Dörfer sind leer. Die Wege schweigen. Nur die Spuren im Schnee erzählen von denen, die man fortgetrieben hat. Wohin – das weiß niemand.«
Zielgebiete der Deportationen waren vor allem Sibirien, aber auch entlegene Regionen Zentralrusslands.
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