Über Jahrzehnte wurden Eltern in Serbien mit der Behauptung abgespeist, ihre Neugeborenen seien kurz nach der Geburt gestorben. Doch viele Mütter und Väter glauben bis heute, dass ihre Babys in Wahrheit entführt und an zahlungskräftige Käufer verkauft wurden. Manipulierte Dokumente, verschwundene Krankenakten und erschütternde Zeugenaussagen zeichnen das Bild eines der größten mutmaßlichen Babyskandale Europas.
Serbien: Das perfide Geschäft mit scheinbar „toten“ Babys (1)
Im Jahr 2001 kam der Babyhandel in den 1970- und 1980er Jahren in Serbien ans Licht der Öffentlichkeit, der jedoch bis heute nicht ganz aufgeklärt ist. Daran beteiligten sich Ärzte, Hebammen und staatliche Beamte. Neugeborene wurden skrupellos aus Geburtskliniken geraubt, nachdem man den Müttern wegen angeblicher gesundheitlicher Beeinträchtigungen ihre Babys nicht zum Stillen gegeben hatte.
Ein, zwei Tage darauf wurde ihnen mitgeteilt, ihre Sprösslinge seien gestorben. Allerdings wurde ihnen nicht erlaubt, die eigenen Kinder zu bestatten. Etwas später wurden die Mütter ohne gesetzlich vorgeschriebene Dokumente aus dem Krankenhaus entlassen, während ihre quicklebendigen Babys an wohlhabende Menschen ohne Nachkommen und Ausländer verkauft wurden. Jahrzehntelang blühte das Geschäft mit den Kleinkindern in Bosnien-Herzegowina, vor allem in Tuzla und Umgebung, sowie in Mazedonien und vor allem in Serbien.
Erst 2001 gingen serbische Mütter mit ihrem schrecklichen Verdacht an die Öffentlichkeit. Dokumente in Krankenhäusern und Matrikelbüchern wiesen auf unglaubliche Verbrechen hin. Ferner wurden die Hinweise auf die Baby-Affäre durch Daten auf den Friedhöfen ergänzt, denn – wie bereits angedeutet – wurde kein einziges der angeblich verstorbenen Kinder dort offiziell bestattet.
Dementsprechend hofften die Mütter, dass ihre Kinder noch lebten. So nahmen sie den Kampf gegen Institutionen und verworrene Adoptionsvorschriften und Einzelpersonen auf.
In Serbien gibt es heute fünf Elternvereinigungen, die nach entführten Kindern suchen. Leider sind sie untereinander vielfach zerstritten und führen Auseinandersetzungen in den sozialen Netzwerken und den Medien, obwohl sie doch eigentlich dieselben Ziele verfolgen.
Unter dem Druck des Europarats, an den sich die Eltern wandten, versuchte der Staat Serbien mehrfach, Gesetze mit Bezug auf den Babydiebstahl zu verabschieden. Die Regierung gründete sogar eine Kommission zur Aufklärung der Fälle verschwundener Babys.
Während einige Eltern die Initiative begrüßen und betonen, dass die Regierung Serbiens ehrlich an seiner Aufklärung interessiert sei, vertrauen andere weder dem Staat noch der neugebildeten Kommission. Vielmehr führen sie eigene Untersuchungen durch und arbeiten an der Internationalisierung der Baby-Affäre.
Im Oktober 2019 sprachen Journalisten des Magazins Kosmo mit einigen Eltern dieser gestohlenen Babys. Deren Berichte, die ich nachfolgend zur Dokumentation in Auszügen wiedergeben möchte, bestätigen, dass der Babyhandel tatsächlich im damaligen System „gut eingespielt“ war und man nicht an die „Ehrlichkeit“ der Regierung glauben konnte. So wurde in den Krankenhäusern behauptet, die dementsprechenden Archive seien Wasserschäden zum Opfer gefallen und deshalb vernichtet.
Ana Pejić aus Ruma, Sekretärin der Vereinigung der Eltern der verschwundenen Babys der Vojvodina, glaubt, dass die Täter nicht erwartet hätten, dass sie nach so vielen Jahren beginnen würden, nach den geraubten Kindern zu suchen. Ebenso wenig, dass ihr Verbrechen an die Öffentlichkeit kommen würde. „Leider ist unser Problem, dass der Staat die Baby-Affäre nicht aufklären will.“ Die Mütter der angeblich „verstorbenen“ Babys würden mit den Worten getröstet: „Du bist jung, du wirst weitere Kinder bekommen.“
Tatsache aber sei, dass fast allen Müttern, die nach Dokumenten fragten, gesagt wurde, dass die Archive Wasserschäden hätten, was eine Lüge sei und der Beweis dafür, dass die Entführungen der Babys von einem einzigen Zentrum aus betrieben wurden. „Selbst die Krankenhäuser, die ihre Dokumente im Dachgeschoss lagern, haben behauptet, dass Überflutungen alles zerstört hätten, denn bei ihnen seien Dachziegel eingestürzt“, so Ana Pejić: „Alle haben die Order erhalten, dieselbe Geschichte zu erzählen. Es ist klar, dass die Dokumente versteckt und zurückgehalten wurden, genau wie das auch heute der Fall ist. Aber auch aufgrund der wenigen Dokumente konnte man feststellen, wie dreist sie sind und wie sehr diese Papiere manipuliert wurden. In die Auszüge wurden falsche Geburtsdaten, falsche Geburtszeiten, falsche Gewichte der Babys eingetragen. Sie hatten nicht erwartet, dass jemand das eines Tages suchen und mit den wahren Daten vergleichen würde.“
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Und Ana Pejić weiter: „Diese Art von Verbrechen muss als Menschenhandel behandelt werden. Um diesen Betrug nachzuweisen, haben wir alle Dokumente auch für die Kinder herausgesucht, die gesund und munter sind und bei ihren Eltern aufgewachsen sind. Hier gab es nirgendwo solche Manipulationen, sondern es gibt sogar Angaben, wie viele Einmalhandschuhe pro Kind gebraucht wurden. Die Dokumentation für diese Kinder ist absolut komplett, nichts wurde jemals vom Wasser zerstört. Bei unserer Vereinigung melden sich viele Insider: Hebammen, Taxifahrer, Nachbarn (…) Ihre Aussagen sind für uns sehr wertvoll. Es melden sich auch junge Leute, denen gesagt wurde, sie seien adoptiert, und die nach ihren leiblichen Eltern suchen. Dieser Weg ist leichter als die Suche der Mütter nach ihren geraubten Kindern.“
Ein anderes Beispiel der Manipulation: In offiziellen Papieren stand etwa, ein „Junge“, der kurz zuvor von einer Mutter geboren worden wäre, sei gestorben. Dabei brachte die betreffende Mutter ein „Mädchen“ zur Welt!
Der Europarat forderte Serbien auf, ein DNA-Register einzuführen. Dennoch fürchten die Mütter, dass dies nicht viel nützen würde, weil der Diebstahl ihrer Babys unter Veränderung des Familienstands vonstattenging.
Eine dermaßen „beraubte“ Mutter erzählt: „Mein Fall passierte am 24. August 1988 in Sremska Mitrovica, als ich mein zweites Kind bekommen hatte. Es war eine normale Schwangerschaft, während der ich regelmäßig zur Kontrolle ging und auf alle Kleinigkeiten achtgab. Ich hatte ein bisschen Angst und bin darum auf Anraten meines Arztes in eine Geburtsklinik gegangen, obwohl ich noch keine Wehen hatte. Drei Tage lag ich in einem unangenehmen Kreißsaal, belästigt von ständigen Untersuchungen, und am letzten Tag platzte die Fruchtblase. Obwohl mir der Arzt gesagt hatte, wir würden auf die natürlichen Wehen warten, wurde mir am Nachmittag mitgeteilt, dass man einen Kaiserschnitt machen würde, denn angeblich war der Herzschlag des Babys nur schwach zu hören, und ich glaubte ihm. Ich wachte im Schockraum auf, wo mir der Arzt sagte, dass ich ein Mädchen mit 2.350 Gramm bekommen hätte, das im Inkubator sei, aber es sei alles in Ordnung mit ihr. Das war ein Mittwoch, und man sagte mir, am Freitag dürfte ich mein Baby sehen, wenn ich mich erholt hätte.“
Die Mutter weiter: „Als endlich Freitag war, kam der Doktor in mein Zimmer und sagte, dass mein Baby leider gestorben sei. Ich ging mit einem Entlassungsbrief nach Hause, in dem stand, dass ich eine Geburt gehabt hatte und dass das Baby gestorben sei. Für das Kind bekam ich keinerlei Dokumente, aber ich dachte, dass sei in Ordnung so, und fragte deswegen nicht nach (…) Der Standesbeamte sagte mir zuerst, dass mein Kind nicht in die Bücher eingetragen sei, und ich dachte, dass es auch gar nicht eingetragen sein könnte, da es ja gestorben sei. Denn wurde wenig später doch ein Eintrag gefunden, dass mir ein männliches Kind gestorben sei, aber ich hatte ja ein Mädchen geboren. Das war für mich ein sicheres Signal, dass ich beginnen sollte nachzuforschen.“
Und weiter: „Mein Arzt hat schriftlich eine Obduktion beantragt, das Kind wurde auf die Pathologie gebracht, aber dort verliert sich seine Spur. Angeblich war das ein Samstag, als die Pathologie nicht arbeitete, aber das ist eine Lüge, es war Freitag. Wir alle Mütter angeblich verstorbener Babys in Sremska Mitrovica haben denselben Auftrag an den Friedhof unter derselben Nummer 17-25/25 erhalten, ein verstorbenes Baby aus dem Krankenhaus zum Friedhof zu überführen und denselben Auftrag an eine Privatfirma, einen Sarg und die Ausstattung zu liefern. Ich habe die Bücher der Bestatteten selber durchgesehen, aber mein Kind scheint darin nicht auf, darüber habe ich auch eine schriftliche Bestätigung (…) Die Kinder, die nach ihren Behauptungen über Nacht gestorben sind, wurden von bestimmten Ärzten geraubt, die unter Druck standen, mit der Polizei, der Armee und dem Staat zusammenzuarbeiten. Sie mussten das machen, denn das System war so und sie mussten gehorchen.“
Von einem anderen Fall berichtet Radiša Pavlović, Mitglied der staatlichen Kommission für verschwundene Babys und Vorsitzender der Vereinigung für Wahrheit und Gerechtigkeit für die Babys: „Meine Frau Mirjana und ich waren überglücklich, als wir erfuhren, dass sie Zwillinge bekommen würde. Natürlich hatten wir Angst, als sie vorzeitig Geburtswehen bekam, aber wir hofften das Beste, als sie am 13. November 1988 um 15.10 Uhr in Kragujevac den ersten und fünf Minuten später den zweiten Sohn zur Welt brachte (…) Die Buben wurden wegen angeblicher Atemwegsprobleme in die Kinderabteilung verlegt, und als ich kam, um sie zu sehen, wurde mir das nicht erlaubt, sodass ich nach Hause nach Gruža zurückkehrte. Wenig später erhielt ich ein Telegramm über den Tod des einen Babys und am folgenden Tag teilte mir ein anderes Telegramm mit, dass auch mein zweiter Sohn gestorben sei.“
Radiša Pavlović erzählt weiter Unglaubliches: „Nach Eingang der Telegramme ging ich in die Pathologie, um die Körper der Kinder abzuholen. Dort überzeugte mich der Pathologe, dass ich sie nicht abholen müsse, aber als ich insistierte, sagte er, dass noch keine Obduktion erfolgt sei und dass ich ins Standesamt gehen müsse, um die Geburt und den Tod der Kinder zu melden. Als ich nach einer halben Stunde zurückkehrte, brachten sie mich in einen Raum, in dem tote Babys in einem Kühlschrank lagen. In einer Lade lagen zwei, von denen mir gesagt wurde, sie seien meine Babys. Ich war jung und habe den Ärzten geglaubt, daher habe ich die Kinder ohne offizielle Identifikation mit nach Hause genommen. Unseren Sitten entsprechend haben wir den Sarg geöffnet und darin ein dunkelhaariges und ein blondes Baby gefunden. Vom Schmerz gebeugt haben wir sie begraben.“
Doch als die Baby-Affäre ans Licht kommt, erhärten sich die Zweifel der Pavlović. Ganze drei Jahre vergehen, bis sie im Klinikzentrum endlich Einblick in die medizinischen Papiere erhalten. Die Dokumente von der Kinderabteilung jedoch sollen durch einen Wassereinbruch vernichtet worden sein. Als der empörte Vater damit droht, vor der Klinik einen Protest zu organisieren, werden die Papiere innerhalb von nur acht Minuten auf wundersame Weise gefunden.
Es stellt sich heraus, dass die Angaben nicht stimmen. Auch in den Todesbestätigungen der Kinder gibt es keine Angaben über den Arzt, der den Tod festgestellt hat. Ferner steht in den Auszügen aus dem Matrikelbuch der Geborenen, dass ein Kind im November und das andere im Januar 1988 geboren wurde, obwohl es Zwillinge waren!
Radiša Pavlović: „Aufgrund all dessen rief ich täglich einen der Gynäkologen an, der bei der Geburt dabei war, und fragte ihn, wo meine Kinder seien. Nachdem ich eines Tages eine telefonische Todesdrohung erhielt, habe ich Strafanzeige gegen die Person erstattet, die mir gedroht hatte, aber auch gegen den Gynäkologen in Kragujevac und eine unbekannte Person, die an der Entführung meiner Kinder beteiligt war. Ich forderte auch, dass offizielle Ermittlungen aufgenommen würden und dass ich die Erlaubnis bekäme, das Grab zu öffnen und eine DNA-Probe der Leichen zu nehmen, die mir übergeben wurden.“
Pavlović will nicht aufgeben, bis er die Wahrheit über seine Kinder kennt. Auch weitere Drohungen gegen ihn und seine Familie halten ihn nicht davon ab, genauso wenig wie die Versuche, Verkehrsunfälle zu inszenieren. Inzwischen erhält er Polizeischutz. „Ich weiß“, sagt er, „dass die Täter abtrünnige Individuen des Staatssicherheitsdienstes und anderer Institutionen sind. Die Regierungskommission, die auf Initiative der Vereinigung eingerichtet wurde, der ich vorstehe, hat die Kapazitäten, um die Baby-Affäre abschließend aufzuklären, aber das bedeutet, dass wir auch eine Antwort auf die Frage haben wollen, ob es angebliche Verträge über den Export serbischer Babys gab oder Manipulationen stattfanden. Der Staat hat sich endlich auf den Standpunkt gestellt, dass er all das untersuchen wird und dass es in diesen Fällen keine Verjährung gibt.“
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