Ein Mann erfährt als Kind, dass er adoptiert wurde – Jahrzehnte später stößt er bei der Suche nach seinen leiblichen Eltern auf mutmaßlich gefälschte Dokumente und ein Netz aus verschwundenen Akten. Gleichzeitig berichtet ein Zeuge, wie ihm in einem Krankenhaus gegen Geld Babys zur Auswahl angeboten wurden. Die erschütternden Aussagen nähren den Verdacht, dass in Serbien über Jahre hinweg Neugeborene systematisch geraubt und verkauft wurden.
Serbien: Das perfide Geschäft mit scheinbar „toten“ Babys (2)
Kosmo lässt sogar ein derart „gestohlenes“ Baby zu Wort kommen. Der Junge von damals ist nun Anfang vierzig. Mladjan Radivojević lebt mit seiner Frau Milica und drei Kinder im Dorf Donji Adrovac in der Nähe von Aleksinac. „Ich bin in Kruševac geboren und war in der sechsten Klasse, als mir Kinder in der Schule sagten, dass ich adoptiert sei, was meine Mutter Verica Radivojević bestätigte. Sie war 14 Jahre lang erfolglos gegen Sterilität behandelt worden und hatte sich dann für ein Adoptionsverfahren angemeldet. Da ein enger Verwandter meines Vaters bzw. Adoptivvaters bei der Staatssicherheit arbeitete, mussten meine Eltern nicht lange warten. Beamte des Zentrums für Sozialarbeit Aleksinac brachten mich, eingehüllt in eine Krankenhausdecke, schon bald in ihr Haus und sagten, dass sie mich auch umtauschen könnten, wenn ich ihnen nicht gefiele. Ich war drei Monate alt und hatte aufgrund des ständigen Liegens überhaupt keine Haare am Kopf. Meinen Adoptiveltern sagten sie, dass meine leibliche Mutter sehr jung gewesen sei und dass sie sofort nach der Geburt aus dem Krankenhaus geflüchtet sei. Später war ich jahrelang wütend auf sie und fragte mich ständig, wie sie das tun konnte.“
Doch eines Tages, als Mladjan Radivojević selbst Vater ist, will er auf Vorschlag seiner Frau seine biologischen Eltern suchen und kennenlernen, damit es nicht passieren konnte, dass seine eigenen Kinder aus Unkenntnis einen Blutsverwandten heirateten.
„Und da beginnt die schreckliche Geschichte“, so Mladjan Radivojević. „Als wir die angeforderten Dokumente nicht bekommen konnten, wandten wir uns an Radiša Pavlović (…) Erst auf seine Intervention hin erhielt ich einen Auszug aus dem Matrikelbuch der Geborenen und machte eine schreckliche Entdeckung. Schon auf den ersten Blick war klar, dass das Dokument gefälscht war.“ So stimmen die Angaben über die Mutter nicht überein, Angaben über den Familienstand sowie das Vorhandenseins eines Vaters waren gelöscht. Auf keinem einzigen Dokument existiert die Unterschrift der leiblichen Mutter. Die Angaben des Standesbeamten in das Matrikelbuch der Geborenen stimmen mit den Auszügen des Krankenhauses nicht überein.
Als sich Radivojević auf die Suche nach seiner Mutter macht, stellt sich heraus, dass weder sie noch sein biologischer Vater und auch die Ehe nirgendwo eingetragen sind.
„Die weiteren Nachforschungen führten uns in das Zentrum für Sozialarbeit Aleksinac, wo die Direktorin nach vielen Ausflüchten zugab, dass es für mich keine Akte gab. Es fehlen noch 28 weitere Akte über Adoptionen im Zeitraum von 1975 bis 1985.“
Marko Markić Ivić, Inhaber eines Restaurants in Deutschland, gerät zufällig in die „Baby-Handel-Geschichte“, wie er schildert. Eines Tages im Jahr 1988 fährt er seinem Stiefvater nach Bugojno. „Aber statt seinen Geschäften nachzugehen, machte er mich mit einem Mann bekannt, der sich als Dragan, von Beruf Rechtsanwalt, vorstellte. Er erzählte mir, dass er ein Kind adoptiert hätte und dass ihn das glücklich mache, und schlug mir dann vor, mich in Belgrad mit Leuten zusammenzubringen, die auch mir helfen könnten. Er betonte sofort, dass ich für ein Baby 10.000 Deutsche Mark zahlen müsse und für Zwillinge 15.000, was ich akzeptierte, weil ich dachte, das Geld käme der Waisenfürsorge zugute. Dragan versprach ich aus Dankbarkeit eintausend Mark für ein Kind und zweitausend für Zwillinge.“
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Aber es kommt anders. Ivić geht davon aus, dass der legale Adoptionsprozess drei Jahre lang dauert. „Der erste Zweifel wurde in mir geweckt, als ich in ein Krankenhaus gebracht wurde, denn ich nahm an, dass man Kinder aus einem Waisenheim adoptieren würde. Der Arzt, den mir Dragan vorstellte, sagte sofort, dass das Geld, das ich zahlen würde, dem Waisenheim zugutekäme, obwohl ich den Verdacht hatte, dass sich jemand auch privat um einige Tausender aus der Summe bereichern würde. Das ist Teil unserer Mentalität. Der Arzt behauptete, ich würde ungewollte Babys von Minderjährigen und Studentinnen aus dem Landesinneren sehen, und beklagte, dass diese normalerweise in Heimen untergebracht würden und, wer weiß wie lange, auf Eltern warten müssten.“
Interessant an dieser Stelle ist fest zu halten, dass es auch Minderjährige und Studentinnen gibt, die ungewollte Kinder zur Welt bringen, die „weiterverkauft“ werden können. Entweder ohne Registration oder mit falschen Angaben.
Marko Markić Ivić weiter: „Ich fragte, wie die Kinder in die Papiere eingetragen würden, und er antwortete, ohne nachzudenken, dass man überall schreiben würde, dass meine Frau sie geboren habe. Er bot mir drei Optionen an: das Baby sofort zu übernehmen, mit meiner Frau wiederzukommen und das Kind dann mitzunehmen oder der Familie zu sagen, dass sie schwanger sei, und in neun Monaten wiederzukommen. Er garantierte mir, dass auf der Geburtsurkunde stehen würde, dass meine Frau und ich die leiblichen Eltern des Kindes seien.“
Und: „Nach diesem Gespräch, während dessen mir große Zweifel kamen, brachte mir die Schwester einen Kittel und der Arzt und ich gingen auf die Geburtenstation. Während wir in den ersten oder zweiten Stock gingen (…) sagte mir der Arzt, ich sollte die Hand auf das Bett einer Frau legen, die meiner Frau etwas ähnelte. In einem Zimmer sah ich ein Mädchen, dass meiner Ana wirklich ähnlich sah, und ich legt die Hand auf ihr Bett. Anschließend führte er mich in das Zimmer mit den Babys.“
Weiter: „Ich blieb bei einem Baby stehen, seine langen Wimpern hatten mich angezogen. Sie war ein Engel, das sagte ich ihm auch. Er antwortete, dass das genau das Baby der Gebärenden war, auf deren Bett ich meine Hand gelegt hatte. Und dann wiederholte er dreimal ‚Ivić wähle!‘ Da blieb ich stehen. Wie sollte ich ein Baby wählen? Ich hatte gesehen, dass das keine Geburtenstation nur für Studentinnen war, sondern dass hier auch ältere Frauen waren. Ein Schauer durchlief mich, ich fühlte einen Druck in der Brust und mir blieb der Atem weg, konfrontiert mit dem Verdacht, dass da etwas nicht stimmte. Daher sagte ich dem Arzt, ich müsse erst mit meiner Frau reden.“
Letztlich jedoch nehmen Marko Markić Ivić und seine Frau Abstand von dem illegalen „Babykauf“ und gehen an die Öffentlichkeit. „Über dieses Ereignis habe ich eine Erklärung geschrieben, sie beim Notar in Belgrad beglaubigen lassen und sie an die Staatsanwaltschaft übergeben. Bisher hat mich noch niemand eingeladen, eine Aussage zu machen. Wenn sie mich vorladen, werde ich natürlich hingehen und alles in dem Wunsch erzählen, dass mein Fall zur Aufklärung der Affäre der geraubten Babys beitragen kann.“
Das Magazin Kosmo berichtet im Oktober 2019 weiter, dass von 2002 bis zu jenem Jahr bei serbischen Staatsanwaltschaften mehr als 900 Anzeigen aufgegeben worden seien und 165 Vorermittlungen zum eventuellen „Verschwinden“ von Babys laufen würden. Der Verdacht bestehe, dass mehrere tausend Babys aus Geburtskliniken in Serbien verschwunden seien, sprich „geraubt“ und dann verkauft wurden.
Ähnliche Vorkommnisse von Babyhandel werden beispielsweise auch von den Philippinen, Thailand, Nigeria und Indien berichtet. Sie alle an dieser Stelle aufzuzählen, würde jedoch den Umfang dieses Artikels sprengen.
Allerdings gleichen allesamt einem: dem menschenunwürdigen, perfiden Geschäft mit der „Handelsware“ Baby!
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