Das Geheul in der deutschen Politik wird immer lauter: Aufrüstung, „Kriegstüchtigkeit“ und militärische Stärke bestimmen zunehmend die Debatte. Doch jetzt richtet eine Richterin einen eindringlichen Appell an Bundeskanzler Friedrich Merz: Schluss mit der Eskalationsspirale – zurück zu Diplomatie und Frieden! Clivia von Dewitz erinnert an die Millionen Opfer vergangener Kriege und fordert den Kanzler auf, Gesprächskanäle zu öffnen und „alles, was in Ihrer Macht steht“ zu tun, um einen neuen verheerenden Konflikt zwischen Russland und dem Westen zu verhindern. „Werden Sie ein Bundeskanzler des Friedens!“
Nachfolgend ein Auszug des offenen Briefes von Richterin Clivia von Dewitz an Bundeskanzler Friedrich Merz:
… Herr Bundeskanzler, mit Sorge beobachte ich, wie sich die politische Sprache in Deutschland verändert. Es wird wieder selbstverständlich über Aufrüstung gesprochen. Deutschland soll wieder „kriegstüchtig“ werden – übrigens ein Begriff, der zum Sprachgebrauch der nationalsozialistischen Kriegspropaganda gehörte. Deutschland soll nach den Vorstellungen der Bundesregierung seine militärischen Fähigkeiten massiv ausbauen und innerhalb Europas eine führende militärische Rolle übernehmen.
Wo bleiben diplomatische Initiativen?
Wer soll das wollen? Ich frage mich, wie unsere unmittelbaren Nachbarn auf eine solche Entwicklung blicken. Polen und Frankreich haben die deutsche Besatzung sicher noch nicht vergessen. Auch in Deutschland dürfte der Wunsch der allermeisten Menschen nicht in einer militärischen Führungsrolle liegen, sondern in einem dauerhaften Frieden.
Warum zeigen wir jungen Menschen nicht viel häufiger, was Krieg tatsächlich bedeutet, etwa durch Filme wie „Unsere Mütter, unsere Väter“? Krieg besteht nicht aus unrealistischen Siegesvisionen und Landkarten. Krieg besteht aus zerstörten Familien, traumatisierten Kindern und Wunden, die sich über Generationen eingraben in die Seelen der betroffenen Menschen und deren Nachkommen.
Wo bleiben von Ihnen unterstützte diplomatische Initiativen? Zwar gibt es einzelne (europäische) Abgeordnete, wie etwa Michael von der Schulenburg, die sich beharrlich für Verhandlungen und neue diplomatische Wege einsetzen. Auch Altbundeskanzler Gerhard Schröder bemüht sich, seine persönlichen Kontakte für Gespräche zu nutzen. Doch solche Stimmen bleiben bislang politisch weitgehend ohne Rückhalt. Warum eigentlich? Dabei zeigen sie, dass es auch ein Deutschland gibt, das Frieden nicht als Zeichen der Schwäche versteht, sondern als höchste politische Verantwortung, und das sich weigert, Russland zum Feind zu erklären.
Ich rufe noch einmal in Erinnerung: Vor über achtzig Jahren lag Europa in Trümmern, weil Deutschland unter Adolf Hitler versucht hatte, den Kontinent gewaltsam zu beherrschen und Russland zu besiegen. Rund 27 Millionen Menschen aus der Sowjetunion verloren im Zweiten Weltkrieg ihr Leben – Soldaten ebenso wie Frauen, Kinder und ältere Menschen. Hinzu kamen nahezu sechs Millionen Polen, rund 600.000 Franzosen, etwa sieben Millionen Deutsche, viele weitere Millionen Tote und natürlich rund sechs Millionen ermordete Juden.

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Mehr als Statistiken: Diese Zahlen stehen für Menschen
Diese Zahlen sind mehr als Statistik. Jede einzelne steht für einen Menschen. Für eine Familie. Für eine zerstörte Zukunft. Für Traumata, die nicht mit dem Ende eines Krieges enden, sondern Kinder, Enkel und oft noch weitere Generationen prägen.
Ohne den unvorstellbaren Blutzoll, den die Völker der Sowjetunion im Kampf gegen den Nationalsozialismus entrichteten, wäre die Befreiung Deutschlands und Europas jedenfalls nicht in dieser Form und zu diesem Zeitpunkt möglich gewesen. Diese historische Wahrheit darf nicht in Vergessenheit geraten.
Gerade deshalb erfüllt es mich mit Sorge, wenn Vertreter Russlands von Gedenkveranstaltungen ausgeschlossen werden, die an die Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus erinnern. Historische Verantwortung verlangt, zwischen den politischen Konflikten der Gegenwart und der Erinnerung an die Millionen sowjetischen Opfer des Zweiten Weltkriegs zu unterscheiden.
Mit wachsendem Unbehagen beobachte ich zudem, wie sich das gesellschaftliche Klima gegenüber Russland und russischen Bürgern verändert hat. Die mühsam aufgebaute deutsch-russische Verständigung der vergangenen Jahrzehnte war ein hohes Gut. Sie leichtfertig aufs Spiel zu setzen, halte ich für einen schweren historischen Fehler.
Herr Bundeskanzler, Sie tragen Verantwortung für die Sicherheit Deutschlands. Aber ebenso tragen Sie Verantwortung dafür, dass unsere Kinder und Enkel nicht eines Tages dieselben traumatischen Erinnerungen mit sich tragen müssen wie meine Eltern.
Frieden als kostbarstes Erbe
Ich wünsche mir einen Kanzler, der den Mut hat, auch dann nach diplomatischen Wegen zu suchen, wenn sie schwierig erscheinen. Den Mut, Gesprächskanäle offen zu halten oder zu eröffnen. Den Mut, an die nächsten Generationen und deren Zukunft zu denken.
Tun Sie bitte alles, was in Ihrer Macht steht, um eine weitere Eskalation des Konflikts zwischen Russland und dem Westen zu verhindern. Setzen Sie sich mit derselben Entschlossenheit für diplomatische Lösungen ein, mit der heute über militärische Stärke gesprochen wird.
Werden Sie ein Bundeskanzler des Friedens. Ein Bundeskanzler für die vielen Menschen in unserem Land, die sich nichts sehnlicher wünschen, als dass ihre Kinder und Enkel niemals erleben müssen, was die Generation meiner Eltern erlebt hat.
Vielleicht besteht genau darin ihre größte Leistung: nicht den Krieg überlebt und Deutschland wiederaufgebaut zu haben, sondern ihren Kindern den Frieden als kostbarstes Erbe hinterlassen zu haben. Bitte sorgen Sie dafür, dass das nicht vergessen wird.
Hochachtungsvoll,
Clivia von Dewitz
Die Autorin ist Richterin und Privatdozentin für Strafrecht, Kriminologie und Rechtsvergleichung. Sie hat 1997 ein Praktikum bei der südafrikanischen Wahrheitskommission absolviert. 2024 erschien „Gerechtigkeit durch Wiedergutmachung“ beim Westend-Verlag.
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