Während Milliarden durch Kriegsangstmache in Aufrüstung, Drohnen und neue Waffensysteme fließen, boomt noch ein anderes Geschäft: der Handel mit politischem Insiderwissen und besten Kontakten nach Berlin. Ehemalige Politiker und Regierungsmitarbeiter wechseln zu Rüstungskonzernen, Defence-Start-ups oder werden selbst zu Lobbyisten. Wie die „Zeitenwende“ zur Goldgräberstimmung wird – und welche brisanten Fragen die Drehtür zwischen Politik und Rüstungswirtschaft aufwirft, zeige ich Ihnen hier.
Deutschlands „Zeitenwende“ hat nicht nur die Verteidigungspolitik grundlegend verändert. Hunderte Milliarden Euro stehen für Bundeswehr, Aufrüstung und neue Waffensysteme bereit. Für Rüstungskonzerne, Defence-Start-ups und Investoren ist ein gewaltiger Markt entstanden.
Und wo der Staat Milliarden verteilt, werden Menschen besonders wertvoll, die wissen, wie der politische Betrieb funktioniert, wer über Beschaffungen entscheidet und welche Türen man öffnen muss.
Aktuelle Seitenwechsel aus Politik und Regierung in die Wirtschaft werfen deshalb eine grundsätzliche Frage auf: Wer profitiert eigentlich von der deutschen Aufrüstung – und wie schnell lässt sich politisches Insiderwissen nach dem Ausscheiden aus dem Amt wirtschaftlich verwerten?
Dabei gilt ausdrücklich: Solche Tätigkeiten sind nicht automatisch rechtswidrig. Interessenvertretung ist grundsätzlich legitim und wird unter anderem durch das Lobbyregister transparent gemacht. Problematisch ist vielmehr die politische Dimension der sogenannten Drehtür zwischen Staat und Wirtschaft.
Vom Verteidigungsministerium zum Lobbyisten für die Rüstungsbranche
Ein besonders bemerkenswerter Fall ist der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Thomas Hitschler.
Hitschler war bis Mai 2025 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium. Und dort hatte er mit genau jenen Themen zu tun, um die es heute bei seiner Tätigkeit als Interessenvertreter geht.
Die Bundeswehr selbst beschrieb seinen damaligen Zuständigkeitsbereich unter anderem mit Beschaffung, Ausrüstung und Haushalt – also zentralen Bereichen bei der Umsetzung der „Zeitenwende“.
Bundestagsunterlagen dokumentieren zudem seine Kontakte zur Rüstungsindustrie. Im Februar 2024 nahm Hitschler beispielsweise an einem „Round-Table Rüstung“ mit Spitzenvertretern unter anderem von Rheinmetall, Hensoldt, KNDS, Diehl und thyssenkrupp teil.
Heute sitzt Hitschler gewissermaßen auf der anderen Seite des Tisches.
Eigene Firma – und Kunden aus dem Verteidigungssektor
Hitschler ist inzwischen Geschäftsführer der TH Strategic Intelligence GmbH. Im offiziellen Lobbyregister des Deutschen Bundestages wird seine frühere Tätigkeit als Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium ausdrücklich aufgeführt.
Die angegebenen Interessengebiete lesen sich bemerkenswert:
Bundeswehrangelegenheiten, Rüstungsangelegenheiten, Verteidigungspolitik, Industriepolitik sowie Wissenschaft, Forschung und Technologie.
Noch interessanter ist die Beschreibung seiner Tätigkeit. Danach berät das Unternehmen Auftraggeber aus dem Investoren- und Unternehmensumfeld zu Markt-, Politik- und Beschaffungsentwicklungen im Bereich Sicherheit und Verteidigung und vertritt deren Interessen gegenüber Bundestag und Bundesregierung.
Mit anderen Worten: Kenntnisse über politische Entscheidungswege und Beschaffungsprozesse, die während einer Spitzenposition im Verteidigungsministerium erworben wurden, können nun in einem privatwirtschaftlichen Umfeld von erheblichem Wert sein.
Drei bemerkenswerte Auftraggeber
Auch die Auftraggeber sind aufschlussreich.
Im Lobbyregister wird die Hypersonica GmbH genannt. Hitschlers Unternehmen vertritt deren Interessen gegenüber Bundestag und Bundesregierung ausdrücklich bei verteidigungs-, sicherheits- und beschaffungspolitischen Fragestellungen sowie bei den regulatorischen Bedingungen für Verteidigungs- und Dual-Use-Technologien.
Hinzu kommt Daimler Truck. Das Unternehmen wird ebenfalls als Auftraggeber Hitschlers ausgewiesen.
Und schließlich die Investmentgesellschaft La Famiglia. Für sie geht es laut Lobbyregister um Interessenvertretung zugunsten ihrer Portfoliounternehmen bei verteidigungs-, sicherheits- und beschaffungspolitischen Rahmenbedingungen sowie Förder- und Finanzierungsfragen.
Die Konstellation besitzt politische Brisanz: Noch bis 2025 saß Hitschler an herausgehobener Stelle im Verteidigungsministerium. Heute vertritt er privatwirtschaftliche Interessen gegenüber genau jenem politischen Apparat, dessen Strukturen und Entscheidungswege er aus eigener Anschauung kennt.
Erst Staatssekretär, dann Interessenvertreter
Dabei muss sauber unterschieden werden: Aus dem Lobbyregister ergibt sich nicht, dass Hitschler während seiner Amtszeit bestimmte Unternehmen bevorzugt hätte. Ebenso wenig belegt der Seitenwechsel für sich genommen einen Gesetzesverstoß.
Aber genau darin besteht das grundsätzliche Problem der Drehtürpolitik.
Politische Kontakte besitzen einen wirtschaftlichen Wert.
Wer jahrelang Ministerien, Abgeordnete, Beamte und Entscheidungsstrukturen kennengelernt hat, weiß nicht nur, wen man anrufen muss, sondern versteht auch Entscheidungsprozesse, Haushaltsmechanismen und Beschaffungsstrukturen.
Gerade in einem Sektor, in dem der Staat Milliardenaufträge vergibt, kann solches Wissen außerordentlich wertvoll sein.
Von der Politik zum Drohnenhersteller
Hitschler ist keineswegs der einzige Seitenwechsler im Umfeld der neuen deutschen Rüstungswirtschaft.
Der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Arlt wechselte zum Rüstungs-Start-up Stark. Das Unternehmen entwickelt militärische Systeme und gehört zu jener neuen Generation von Defence-Tech-Unternehmen, die vom enorm gestiegenen Bedarf europäischer Streitkräfte profitieren wollen.
Solche Wechsel verdeutlichen, wie eng Politik, Technologiebranche, Investoren und Rüstungswirtschaft inzwischen miteinander verflochten sind.
Die entscheidende Ware ist dabei längst nicht mehr nur eine Rakete, eine Drohne oder ein gepanzertes Fahrzeug.
Eine der wertvollsten Waren sind politische Kontakte.
Auch das Kanzleramt liefert begehrtes Know-how
Ähnliche Mechanismen gibt es außerhalb der klassischen Rüstungsindustrie.
Hero Warrings arbeitete im Kommunikationsstab von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer im Kanzleramt. Nun führt ihn sein beruflicher Weg zu Thyssenkrupp Steel Europe in den Bereich Government Affairs – also genau dorthin, wo Unternehmen ihre Beziehungen zu Politik und Regierung organisieren.
Gerade ein Unternehmen, das von energie-, klima- und industriepolitischen Entscheidungen massiv betroffen ist, hat naturgemäß ein großes Interesse daran, die politischen Entscheidungswege in Berlin möglichst genau zu kennen.
Auch hier lautet die entscheidende Frage deshalb nicht, ob ein solcher Wechsel grundsätzlich erlaubt ist.
Die Frage lautet:
Wie viel ist unmittelbare Regierungserfahrung für ein Unternehmen wert?
Die „Zeitenwende“ als Goldgräbermarkt
Seit Beginn des Ukraine-Krieges und der deutschen „Zeitenwende“ sind Verteidigung und Rüstung zu einem der größten staatlich finanzierten Wachstumsmärkte geworden.
Neue Waffen müssen beschafft, Produktionskapazitäten aufgebaut, Start-ups finanziert und Genehmigungsverfahren beschleunigt werden. Gleichzeitig konkurrieren etablierte Rüstungskonzerne und junge Defence-Tech-Unternehmen um staatliche Aufträge.
Das schafft zwangsläufig einen gewaltigen Lobbybedarf.
Unternehmen müssen wissen, welche Systeme die Bundeswehr künftig benötigt. Sie wollen politische Entscheidungsträger von ihren Produkten überzeugen, regulatorische Hindernisse beseitigen und Fördermöglichkeiten erschließen.
Wer könnte dabei wertvoller sein als jemand, der den Regierungsbetrieb selbst von innen kennt?
Die entscheidende Frage lautet: Wo endet Politik – und wo beginnt das Geschäft?
Niemand muss ehemaligen Politikern verbieten, nach ihrem Ausscheiden aus einem Amt Geld zu verdienen. Und Unternehmen haben selbstverständlich das Recht, ihre Interessen gegenüber der Politik zu vertreten.
Doch gerade bei Verteidigung und Rüstung geht es um Milliardenbeträge aus Steuergeldern.
Deshalb muss maximale Transparenz gelten.
Denn jeder spektakuläre Wechsel aus einem Ministerium oder Parlament in eine Branche, die unmittelbar von politischen Entscheidungen und staatlichen Milliardenaufträgen abhängt, kann Zweifel hervorrufen:
Wird hier lediglich berufliche Erfahrung genutzt – oder wird politischer Zugang selbst zur Ware?
Bei Thomas Hitschler lässt sich zumindest eines anhand des offiziellen Lobbyregisters eindeutig feststellen: Noch bis Mai 2025 war er Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Heute berät und vertritt seine Firma Unternehmen bei Verteidigungs-, Sicherheits- und Beschaffungsfragen gegenüber Bundestag und Bundesregierung.
Das ist legal, soweit öffentlich bekannt.
Aber es zeigt beispielhaft, warum die Drehtür zwischen Politik und Wirtschaft immer wieder für Kritik sorgt.
Denn während der Ukraine-Krieg Tod, Zerstörung und enorme staatliche Ausgaben verursacht, wächst gleichzeitig ein milliardenschwerer Markt für Waffen, Drohnen und Militärtechnologie.
Und in diesem Markt kann ein Gut besonders wertvoll sein:
der direkte Draht zur Politik.
Quelle u.a: abgeordnetenwatch.info v. 16.08.2026

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