Was wäre, wenn Deutschland den Euro verlässt und die D-Mark zurückkehrt? Eine starke neue Währung könnte den Deutschen mehr Kaufkraft, günstigere Importe und Energie sowie eine eigene Geldpolitik bringen. Doch besonders brisant ist eine kaum bekannte Billionenfrage: Die Deutsche Bundesbank besitzt TARGET-Forderungen von rund einer Billion Euro gegenüber der EZB. Bei einem Euro-Austritt müsste geklärt werden, was mit dieser gewaltigen Forderung geschieht: Müsste die EZB Deutschland die Billion zurückzahlen – und wenn ja, wie?


Die Rückkehr zur D-Mark würde nicht einfach bedeuten, dass wir morgens aufwachen und unsere Euroscheine gegen neue D-Mark-Scheine eintauschen.

Deutschland müsste sich aus einem Währungs- und Finanzsystem lösen, das über Jahrzehnte immer enger miteinander verflochten wurde.

Und dabei würde eine starke D-Mark ausgerechnet dort zum Problem, wo sie den Verbrauchern Vorteile bringt.

Deutsche Waren könnten im Ausland erheblich teurer werden

Deutschland ist eine exportorientierte Volkswirtschaft.

Autos, Maschinen, Chemieprodukte, Elektrotechnik und zahlreiche andere Waren werden in gewaltigen Mengen ins Ausland verkauft.

Würde die D-Mark gegenüber dem verbleibenden Euro und anderen Währungen deutlich aufwerten, würden deutsche Produkte für ausländische Kunden entsprechend teurer.

Ein einfaches Beispiel:

Kostet ein deutsches Produkt umgerechnet 50.000 Euro und wertet die D-Mark gegenüber dem Euro stark auf, müsste ein Käufer im Euroraum für dasselbe deutsche Produkt entsprechend mehr von seinen Euros aufbringen.

Das könnte Folgen haben.

Ausländische Kunden könnten auf billigere Produkte aus anderen Ländern ausweichen.

Deutsche Unternehmen könnten Aufträge verlieren.

Produktion könnte ins Ausland verlagert werden.

Im schlimmsten Fall wären Arbeitsplätze gefährdet.

Damit entsteht ein grundlegender Zielkonflikt:

Was Verbraucher durch eine starke D-Mark an Kaufkraft gewinnen, könnte die exportorientierte Wirtschaft teilweise durch eine geringere internationale Wettbewerbsfähigkeit verlieren.


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Was passiert mit bestehenden Verträgen und Schulden?

Hinzu käme eine gewaltige juristische Aufgabe.

Millionen Verträge lauten heute auf Euro.

Kredite, Hypotheken, Mietverträge, Versicherungen, Unternehmensanleihen, Bankguthaben und Staatsschulden müssten rechtlich eindeutig behandelt werden.

Welche Forderungen würden in D-Mark umgestellt?

Welche blieben in Euro bestehen?

Zu welchem Umrechnungskurs?

Was geschähe mit Verträgen zwischen deutschen und ausländischen Unternehmen?

Allein diese Fragen zeigen:

Ein D-Mark-Comeback wäre keine einfache Währungsumstellung, sondern ein gigantischer wirtschaftlicher und juristischer Vorgang.

Und dann gibt es noch TARGET

Hier wartet einer der größten finanziellen Brocken eines möglichen deutschen Euro-Ausstiegs.

Viele Bürger haben von TARGET noch nie gehört.

Dabei geht es um enorme Beträge.

Was ist TARGET überhaupt?

TARGET ist das gemeinsame Zahlungssystem der Zentralbanken im Euroraum. Vereinfacht gesagt werden darüber grenzüberschreitende Zahlungen zwischen Banken über die jeweiligen nationalen Zentralbanken und die Europäische Zentralbank abgewickelt.

Kauft beispielsweise ein Unternehmen in Italien eine Maschine in Deutschland und wird das Geld über Banken transferiert, wird diese grenzüberschreitende Zahlung letztlich auch im Zentralbankensystem verbucht.

Bei Millionen solcher Transaktionen entstehen zwischen den nationalen Zentralbanken Forderungen und Verbindlichkeiten.

Diese werden als TARGET-Salden bezeichnet.

Deutschland hat dabei über lange Zeit enorme Forderungen aufgebaut.

Die Deutsche Bundesbank steht auf der Gläubigerseite des Systems.

Umgangssprachlich ist deshalb immer wieder von „TARGET-Schulden gegenüber Deutschland“ die Rede.

Ganz korrekt ist diese Formulierung allerdings nicht.

Denn Italien, Spanien oder Griechenland haben Deutschland nicht einfach einen normalen Kredit über diesen Betrag aufgenommen.

Es handelt sich vielmehr um Forderungen beziehungsweise Verbindlichkeiten der nationalen Zentralbanken innerhalb des gemeinsamen Eurosystems.

Warum entstanden diese gewaltigen Salden?

Die TARGET-Salden entstehen aus grenzüberschreitenden Zahlungsströmen und der Funktionsweise des Eurosystems.

Besonders in Krisenzeiten spielte auch Kapital eine Rolle, das aus wirtschaftlich schwächeren beziehungsweise als riskanter wahrgenommenen Ländern in vermeintlich sichere Anlagen floss.

Deutschland wurde dabei immer wieder zum Ziel großer Kapitalströme.

Die entsprechenden Positionen sammelten sich im Zentralbanksystem an.

Solange alle Beteiligten im Euro bleiben, müssen diese Salden nicht wie ein gewöhnlicher Kredit zu einem festgelegten Termin zurückgezahlt werden.

Doch was geschieht, wenn Deutschland dieses System verlässt?

Was wird bei einem Dexit aus den deutschen TARGET-Forderungen?

Genau hier beginnt das Problem.

Bei einem deutschen Euro-Austritt müsste geklärt werden, wie mit der TARGET-Forderungsposition der Bundesbank umgegangen wird.

Es wäre falsch, sich das so vorzustellen, als müssten Italien, Spanien oder andere Staaten am nächsten Morgen Geldtransporter losschicken und ihre vermeintlichen „Schulden“ in Berlin abliefern.

So funktioniert TARGET nicht.

Aber ebenso falsch wäre es, die Positionen deshalb für bedeutungslos zu halten.

Beim Ausscheiden Deutschlands aus dem Eurosystem müsste rechtlich und politisch geklärt werden, was aus den Forderungen der Bundesbank wird und auf welche Weise sie gegebenenfalls abgewickelt werden.

Dabei geht es um gewaltige finanzielle Interessen.

Deutschland müsste deshalb bei einem D-Mark-Comeback darauf bestehen, dass die TARGET-Forderungen der Bundesbank Bestandteil einer umfassenden finanziellen Auseinandersetzung mit dem Eurosystem werden.

Wie eine solche Abwicklung konkret aussehen würde, wäre allerdings Gegenstand komplizierter Verhandlungen und rechtlicher Auseinandersetzungen.

Eine simple Regel nach dem Motto „Deutschland tritt aus und bekommt seine TARGET-Forderungen ausgezahlt“ existiert nicht.


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Könnte der Euro ohne Deutschland abstürzen?

Auch die Reaktion der Finanzmärkte wäre kaum vorhersehbar.

Deutschland ist die größte Volkswirtschaft des Euroraums. Sein Ausscheiden könnte deshalb das Vertrauen in die verbleibende Gemeinschaftswährung massiv erschüttern.

Kapital könnte umgeschichtet werden.

Aktien- und Anleihemärkte könnten unter Druck geraten.

Zinsen hoch verschuldeter Staaten könnten steigen.

Der verbleibende Euro könnte gegenüber der neuen D-Mark und anderen wichtigen Währungen abwerten.

Das wiederum könnte die neue deutsche Währung zusätzlich stärken – mit allen Vorteilen für Importeure und Verbraucher, aber auch allen Nachteilen für deutsche Exporteure.

Der große D-Mark-Zielkonflikt

Damit läuft die gesamte Diskussion auf einen fundamentalen Gegensatz hinaus.

Auf der einen Seite könnte eine starke D-Mark den Deutschen bieten:

  • mehr internationale Kaufkraft,
  • günstigere Importe,
  • potenziell billigere Energie und Rohstoffe,
  • günstigere Auslandsreisen und Investitionen
  • sowie eine wieder eigenständige Geld- und Währungspolitik.

Auf der anderen Seite stünden:

  • teurere deutsche Exporte,
  • mögliche Arbeitsplatzverluste,
  • enorme Umstellungskosten,
  • rechtliche Unsicherheiten,
  • Kapitalbewegungen
  • und die schwierige Abwicklung der deutschen Position innerhalb des Eurosystems.

Niemand kann seriös garantieren, welche Seite am Ende überwiegen würde.

Genau deshalb greift die häufig gestellte Frage, ob ein deutscher Euro-Austritt „gut oder schlecht für Europa“ wäre, zu kurz.

Aus deutscher Sicht müsste eine andere Frage im Mittelpunkt stehen:

Würde eine neue D-Mark den Deutschen langfristig mehr Wohlstand, Kaufkraft und finanzielle Selbstbestimmung bringen – oder wären die wirtschaftlichen Kosten des Euro-Ausstiegs am Ende größer als seine Vorteile?

Diese Rechnung müsste transparent und ohne politische Scheuklappen auf den Tisch, bevor über eine Rückkehr zur D-Mark entschieden werden könnte.


Quelle: https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/722130/dexit-was-von-europa-ohne-deutschland-bliebe?utm_content=link_6&utm_medium=email&utm_campaign=dwn_telegramm&utm_source=mid4202&f_tid=ErZLG-nLEWyWt8SCRpa1AQ






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