“Gespaltene Republik – Günter Grass und sein ‘irres’ Gedicht” (2)

Die Kritik auf Grass Gedicht „Was gesagt werden muss“ kam prompt und mit voller Härte.

Nachfolgend zitiere ich beispielhaft aus „Israelnetz.com“:

04.04.12
Kritik an Günter Grass nach antiisraelischem Gedicht

BERLIN (inn) – Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat ein
antiisraelisches Gedicht…

„Was gesagt werden muss“ heißt das Gedicht (Link:
http://www.sueddeutsche.de/n5J388/557180/Was-gesagt-werden-muss.html ) von
Grass, das am Mittwoch in der „Süddeutschen Zeitung“, der italienischen
„La Repubblica“ und der spanischen „El País“ veröffentlicht wurde. Der „Blechtrommel“-Autor kritisiert darin Israels angebliche Drohungen gegen
den Iran, die Lieferung eines deutschen U-Bootes an die israelische Marine
und die Tatsache, dass Israel über Atomwaffen verfügt. „Warum aber schwieg
ich so lang?“ fragt Grass sich, um zu erklären, dass er den Vorwurf des
Antisemitismus fürchte. Seine Herkunft sei mit einem „nie zu tilgenden
Makel behaftet“, der es verbiete, gewisse Tatsachen gegenüber Israel
auszusprechen. Der jüdische Staat sei „eine Gefahr für den ohnehin
brüchigen Weltfrieden“.

Politiker und Verbände in Deutschland und Israel reagierten mit Empörung
auf die Worte von Günter Grass. Der Gesandte der israelischen Botschaft in
Berlin, Emmanuel Nahshon, erklärte: „Was gesagt werden muss ist, dass es
zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des
Ritualmords anzuklagen. Früher waren es christliche Kinder, deren Blut die
Juden angeblich zur Herstellung der Mazzen verwendeten, heute ist es das
iranische Volk, das der jüdische Staat angeblich auslöschen will.“

Kritik von Union, SPD und Grünen

„Das Gedicht ist geschmacklos, unhistorisch und zeugt von Unkenntnis der
Situation im Nahen Osten“, sagte der außenpolitische Sprecher der
CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Philipp Mißfelder, gegenüber dem „Kölner
Stadt-Anzeiger“. „Israel ist das einzige Land in der Region, in dem die
Rechte von Arabern und die Rechte von Frauen überhaupt realisierbar sind.
Es in die Rolle des Aggressors zu bringen, halte ich für falsch.“

Der SPD-Außenpolitiker Rolf Mützenich warf Grass vor, den Nahost-Konflikt
falsch einzuschätzen und den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad
zu verharmlosen. Grass‘ Beitrag sei „politisch nicht hilfreich“, zitiert
„Welt Online“ den Politiker. Der Grünen-Abgeordnete Volker Beck sagte dem
selben Onlineportal: „Man muss die aktuelle israelische Regierung vor
einem unüberlegten Militärschlag gegen den Iran warnen. Denunzieren muss
man den israelischen Staat dafür nicht.“

Wolfgang Gehrcke, Bundestagabgeordneter der Partei „Die Linke“, nahm den
Autor hingegen in Schutz. „Günter Grass hat den Mut auszusprechen, was
weithin verschwiegen wurde“, sagte er. Grass habe recht und beschäme die
deutsche Politik.
Der israelische Historiker Tom Segev hat Günter Grass gegen den Vorwurf des
Antisemitismus in Schutz genommen. „Er ist kein Antisemit, er ist nicht
anti-israelisch“, sagte Segev am Mittwoch dem Deutschlandradio Kultur.
Probleme habe er aber mit dessen Gleichsetzung des Iran mit Israel. Israel
habe schließlich
„noch von keinem Land gesagt, dass es aus der Welt geschafft werden muss“,
wie es der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad „Tag für Tag“ über
Israel wiederhole.

Der Publizist Henryk M. Broder bescheinigte Grass in der Tageszeitung „Die
Welt“, „vollkommen durchgeknallt“ zu sein. Der Lyriker habe offenbar keine
der Drohbotschaften von Ahmadinedschad mitbekommen und „seit jeher ein
Problem mit Juden“.

Die Hochschulgruppe Rostock der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG)
bezeichnete die Veröffentlichung von Grass als „widerwärtig“. Der Verband
teilte gegenüber der Presse mit: „Aus unserer Sicht führt Grass mit
solchen Tiraden in dankenswerter Offenheit vor Augen, dass das, was sich
als ‚Israel-Kritik‘ zu legitimieren trachtet, nichts anderes ist als die
zeitgemäße Form des eliminatorischen Antisemitismus.“

Zentralrat der Juden und Evangelische Kirche „schockiert“

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann,
war nach eigenen Angaben „schockiert“ über das „Hasspamphlet“ von Günter
Grass. Der Text zeige, dass „ein herausragender Autor noch längst kein
herausragender politischer Experte“ sei.

Für die evangelische Kirche äußerte sich der Landesbischof von
Niedersachsen, Ralf Meister. Er kritisierte, dass das Gedicht „an der
Sache vorbei“ gehe. Kritik an der israelischen Politik müsse das
Existenzrecht des Staates nicht außer Acht lassen. Dieses werde von
anderen Staaten bestritten.

Kat: Nachrichten (Link:
http://www.israelnetz.com/themen/nachrichten/ )

mehr » (Link:
http://www.israelnetz.com/themen/nachrichten/artikel-nachrichten/datum/2012/04/04/kritik-an-guenter-grass-nach-antiisraelischem-gedicht/
)

Sogar Israels Premierminister Benjamin Netanjahu äußerte sich zu dem Gedicht des deutschen Literaturnobel-Preisträgers:

Netanjahu reagiert auf Grass-Gedicht

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu hat das israelkritische Gedicht von Günter Grass als „ignorant und verwerflich“ verurteilt. Auch die amerikanische Anti-Defamation-League (ADL) kritisierte den Literaturnobelpreisträger scharf. Grass selbst nahm zwischenzeitlich in verschiedenen Medien Stellung zu der Kontroverse.

Netanjahus Büro veröffentlichte am Donnerstag folgende Stellungnahme zu dem antiisraelischen Gedicht des „Blechtrommel“-Autors (Übersetzung: Israelische Botschaft in Deutschland):

„Der peinliche Vergleich, den Günter Grass zwischen Israel und dem Iran gezogen hat, einem Regime, das die Shoah leugnet und zur Vernichtung Israels aufruft, sagt sehr wenig über Israel und viel über Herrn Grass.

Der Iran, nicht Israel, stellt eine Bedrohung für den Weltfrieden und die Sicherheit in der Welt dar.

Der Iran, nicht Israel, droht anderen Staaten damit, sie auszulöschen.

Der Iran, nicht Israel, unterstützt Terrororganisationen, die Raketen gegen
unschuldige Zivilisten richten.

Der Iran, nicht Israel, unterstützt das Massaker des syrischen Regimes an seinem Volk.

Der Iran, nicht Israel, steinigt Frauen, henkt Homosexuelle und unterdrückt aufs
grausamste Millionen eigener Bürger.

Sechzig Jahre lang hat Herr Grass seine Vergangenheit als Mitglied der Waffen-SS verschwiegen. Daher überrascht es nicht, dass er den einzigen jüdischen Staat auf der Welt als größte Bedrohung für den Weltfrieden ansieht und ihm sein Recht auf Selbstverteidigung abspricht.

Anständige Leute auf der ganzen Welt sollten diese ignoranten und verwerflichen Aussagen verurteilen.“

Unverständnis auch in den USA

Auch bei der amerikanischen Antidiffamierungsliga (ADL) in New York hat das Gedicht von Günter Grass für Empörung gesorgt. Der Vorsitzende des Lobby-Vereins, Abraham H. Foxman, zeigte sich am Donnerstag in einem Schreiben auf der Website schockiert über die „Verachtung, die Günter Grass in dem Gedicht
gegen Israel freisetzt“. Grass zeichne eine unverschämte moralische
Gleichstellung zwischen Israel und dem Iran, die seine tiefsitzende Geringschätzung für Israel deutlich mache, so Foxman.

Für den ADL-Geschäftsführer deutet das Gedicht darauf hin, dass sich in Grass „einige antisemitische Überzeugungen“ versteckten. Es zeige, dass der Autor ignorant sei oder vorsätzlich die wahre Natur der iranischen Nuklearbedrohung missachte. „Bereitwillig setzt er Israel in die Rolle eines unverantwortlichen Angreifers gegen den Iran“, erklärte Foxman.

Die Liga mit Hauptsitz in New York kämpft seit der Gründung 1913 gegen Antisemitismus und Vorurteile.

Grass: „Man will meinen Ruf schädigen“

Mit deutlichen Worten wehrt sich Günter Grass selbst gegen die Empörung über seine Israel-Kritik. Er habe mit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ dazu aufrufen wollen, dass sowohl Israel als auch der Iran ihre Atomanlagen internationaler Kontrolle unterwerfen sollten, sagte Grass der Deutschen presse-Agentur (dpa) in seinem Wohnort Behlendorf bei Lübeck am Donnerstag. Sollte Israel – vermutlich mit konventionellen Bomben und Sprengköpfen – Irans
Atomanlagen angreifen, könnte das zum Dritten Weltkrieg führen, warnte Grass.

In Interviews anderer Medien sprach er von einer Kampagne. „Der Tenor durchgehend ist, sich bloß nicht auf den Inhalt des Gedichtes einlassen, sondern eine Kampagne gegen mich zu führen und zu behaupten, mein Ruf sei für alle Zeit geschädigt“, sagte er in einem NDR-Interview am Donnerstag. „Widerrufen werde ich auf keinen Fall“, sagte er dem TV-Magazin „Kulturzeit“ (3sat).

Gegenüber der dpa verwies der 84-jährige Schriftsteller auf die explosive Lage im Nahen Osten, die sich bei einem Präventivschlag Israels zu einem Flächenbrand ausweiten könne. Präventivschläge seien nicht vertretbar. Dies habe sich beim letzten Irakkrieg gezeigt, bei dem unter dem nachweislich falschen Vorwurf, Saddam Hussein besitze Massenvernichtungswaffen, der Krieg begonnen worden sei. Beim Iran sei bisher keine Atombombe oder ein weitreichendes Raketenträgersystem nachgewiesen worden.

Als Fehler bezeichnetes es der Autor, dass in seinem Gedicht von Israel und nicht konkret von Israels Regierung die Rede sei. Er hege große Sympathien für das Land und wünsche, dass es auch in Zukunft Bestand habe.

Zur Kritik sagte Grass im NDR: „Es werden alte Klischees bemüht. Und es ist zum Teil ja auch verletzend. Es wird sofort, was ja auch zu vermuten war, mit dem Begriff Antisemitismus gearbeitet.“ Er fügte hinzu: „Es ist mir aufgefallen, dass in einem demokratischen Land, in dem Pressefreiheit herrscht, eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund steht und eine Weigerung, auf den Inhalt, die Fragestellungen, die ich hier anführe, überhaupt einzugehen.“

von: M. Breckner / dpa

Quelle: http://www.juedische-stimme.de/?p=687

Günter Grass lässt sich nicht beirrn und verteidigt seine Meinung, die er in Form des umstrittenen Gedichts publiziert hat.Beispielhaft gebe ich einen längeren Artikel aus dem „Tagesspiegel“ wieder:

Diskussion um Gedicht

Grass legt nach und warnt vor „Drittem Weltkrieg“

06.04.2012 11:23 Uhr

Günter Grass sieht sich an den Pranger gestellt und hält an seiner Kritik fest. Jetzt warnt er vor einem „Dritten Weltkrieg“, der drohe, falls Israel Iran angreife. Aus dem Iran gibt es noch keine offizielle Stellungnahme.

Günter Grass hat seine Kritik an Israels Atomwaffenarsenal bekräftigt und vor den Gefahren eines militärischen Erstschlags gegen Iran gewarnt. „Sollte Israel – vermutlich mit sogenannten normalen, konventionellen Bomben und Sprengköpfen – Irans Atomanlagen angreifen, könnte das zum Dritten Weltkrieg führen“, sagte der Literaturnobelpreisträger am Donnerstag in seinem Wohnort Behlendorf bei Lübeck in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Dabei verteidigte er ausdrücklich sein umstrittenes Israel-kritischen Gedicht „Was gesagt werden muss“und warf einem Teil seiner Kritiker Hass vor.

Der 84-jährige Schriftsteller verwies auf die explosive Lage im Nahen Osten, die sich bei einem Präventivschlag Israels zu einem Flächenbrand ausweiten könne. Präventivschläge seien nicht vertretbar. Dies habe sich beim letzten Irakkrieg gezeigt, bei dem unter dem nachweislich falschen Vorwurf, Saddam Hussein besitze Massenvernichtungswaffen, der Krieg begonnen worden sei. Bei Iran sei bisher eine Atombombe oder ein weitreichendes Raketenträgersystem nicht nachgewiesen worden. Mit seinem politischen Gedicht habe er dazu aufrufen wollen, dass sowohl Israel als auch Iran ihre Atomanlagen internationaler Kontrolle unterwerfen, sagte Grass. Als Fehler bezeichnete es der Autor, dass in seinem Gedicht von Israel und nicht konkret von Israels Regierung die Rede sei. Er hege große Sympathien für das Land und wünsche, dass es auch in Zukunft Bestand habe. Er selber würde eine Föderation zwischen palästinensischen Gebieten und Israel als politische Vision bevorzugen, aber dies sei zur heutigen Zeit nicht vorstellbar.

Der Iran hat sich bislang nicht zu dem Israel-kritischen Gedicht „Was gesagt werden muss“ von Günter Grass geäußert. Zwar wurde in der Presse von dem Text und den internationalen Reaktionen darauf berichtet, aber eine offizielle Stellungnahme dazu gab bis zum Freitag nicht. Die staatliche Nachrichtenagentur IRNA lobte Grass wegen „eines Tabubruchs in einem Land, wo die Politik und Taten des zionistischen Regimes (Anm.: Israel) ohne Wenn und Aber unterstützt werden“. IRNA verurteilte die israelischen und westlichen Medien wegen deren „brutaler und zum Teil beleidigender Kritik“ an Grass, nur weil dieser offen gesagt habe, dass nicht der Iran, sondern Israel die eigentliche Gefahr für den Weltfrieden sei.

Grass kritisiert seine Kritiker

Literaturnobelpreisträger Günter Grass selbst fühlt sich von den Kritikern seines politischen Gedichts über Israel missverstanden und an den Pranger gestellt: „Ich hatte gehofft, dass es zu einer Debatte kommt. Aber was ich erlebe, ist ein fast wie gleichgeschaltete Presse.“ Er bekomme haufenweise E-Mails von Menschen, die ihm zustimmten, aber dies dringe nicht an die Öffentlichkeit, sagte Grass gegenüber Tom Buhrom am Donnerstagabend im „Tagesthemen“-Interview.

Grass bekräftigte seine Kritik an der Drohung Israels, einen Präventivschlag gegen den Iran zu führen. „Das ist das Aufkündigen des diplomatischen Verhaltens, das uns unter anderem über sechs Jahrzehnte Frieden in Europa garantiert hat: So lange geredet wird, wird nicht geschossen.“

Der „Blödsinn und die Lügen“ von Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad, seien in der Öffentlichkeit bekannt. Über die Bedrohung, die von Israel ausgehe, werde hingegen zu oft geschwiegen, sagte Grass.

Ihm vorzuwerfen, er sei deswegen Antisemit, sei absurd: „Ich äußere mich zum ersten Mal umfangreich in diesem Gedicht zu Israel – ich habe viele andere Dinge kritisch infrage gestellt, nämlich in erster Linie die Bundesrepublik betreffend, weil ich der Meinung bin, man muss erst vor der eigenen Haustür kehren, bevor man andere kritisiert.“

Zum Thema Siedlungsbau sagte Grass in den „ARD-Tagesthemen“: „Es darf nicht nur kritisiert, es muss kritisiert werden, wenn man es gut meint mit Israel – und das tue ich.“ „Die Lieferung von deutscher Seite eines sechsten U-Bootes, das in der Lage ist, Mittelstreckenraketen unter Umständen auch mit atomaren Sprengköpfen abzufeuern…und das Auftreten der derzeitigen israelischen Regierung, die dauernd mit einem Präventivschlag (gegen den Iran) droht“ habe ihn zu der Veröffentlichung veranlasst.

Nach der massiven Empörung über sein Gedicht zum Atomkonflikt mit dem Iran hat sich Günter Grass zu Wort gemeldet und gegen seine Kritiker ausgeteilt. „Der Tenor durchgehend ist, sich bloß nicht auf den Inhalt des Gedichtes einlassen“, sagte Grass am Donnerstag dem Norddeutschen Rundfunk (NDR). Die scharfen Anwürfe gegen seine Person bezeichnete er als Kampagne. „Es werden alte Klischees bemüht. Und es ist zum Teil ja auch verletzend“, sagte Grass.

In Deutschland stehe „eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund“, sagte der Schriftsteller. Es sei auch vorauszusehen gewesen, dass sogleich „mit dem Begriff Antisemitismus gearbeitet“ würde. „In einer der Springer-Zeitungen stand, der ewige Antisemit, das ist eine Umkehrung des ‚ewigen Juden‘. Das ist schon verletzend und ist demokratischer Presse nicht würdig“, sagte Grass.

„Ich werde hier an den Pranger gestellt“

Auch in einem Interview mit dem Magazin „Kulturzeit“ des Fernsehsenders 3sat wies Grass die Kritik an seiner Person als überzogen zurück. „Eine derart massive Verurteilung bis hin zum Vorwurf des Antisemitismus ist von einer verletzenden Gehässigkeit ohnegleichen. Das habe ich in dieser Form noch nicht erlebt“, sagte Grass. „Ich werde hier an den Pranger gestellt.“ Es helfe Israel überhaupt nicht, kritikwürdige Vorgänge und Zustände nicht beim Namen zu nennen. Deshalb sei für ihn klar: „Widerrufen werde ich auf keinen Fall.“ Allerdings gesteht der Schriftsteller in dem „Kulturzeit“-Gespräch einen Fehler ein. Es wäre besser gewesen, nicht von „Israel“ generell zu sprechen, sondern von der „derzeitigen Regierung Israels“. An dieser Stelle habe er einen Fehler gemacht, den er nicht wiederholen würde. Grundsätzlich gelte aber: „Mit kritikloser Hinnahme hilft man Israel nicht. Das ist Nibelungentreue und wir wissen, wohin die führt.“ Die Lieferung eines sechsten U-Boots an Israel durch Deutschland, der Auslöser seiner Publikation, sei nun einmal „eine falsche Form der Wiedergutmachung“.

Am Donnerstagabend will Grass sich auch in den ARD-Tagesthemen und in der ZDF-Sendung „Aspekte“ äußern. Grass hatte am Mittwoch das Gedicht „Was gesagt werden muss“ veröffentlicht. Darin wirft er Israel vor, mit seiner Iran-Politik den Weltfrieden zu gefährden. Er warnt zudem davor, dass die „Atommacht Israel“ das iranische Volk „auslöschen“ könnte.

Reaktionen auf das Gedicht von Grass hier in Bildern:

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu reagierte mit scharfen Worten auf das Gedicht. „Die schändliche Gleichstellung Israels mit dem Iran, einem Regime, das den Holocaust leugnet und damit droht, Israel zu vernichten, sagt wenig über Israel, aber viel über Herrn Grass aus“, hieß es in einer Mitteilung seines Büros am Donnerstag.

Weiter heißt es in dem Schreiben: „Es ist der Iran, nicht Israel, der eine Bedrohung für Frieden und Sicherheit in der Welt darstellt. Es ist der Iran, nicht Israel, der anderen Staaten mit der Auslöschung droht. Es ist der Iran, nicht Israel, der Terror-Organisationen unterstützt, die Raketen auf Zivilisten abschießen. Es ist der Iran, nicht Israel, der das iranische Regime beim Massaker am eigenen Volk unterstützt. Es ist der Iran, nicht Israel, der Frauen steinigen und Schwule hängen lässt sowie Millionen seiner eigenen Bevölkerung brutal unterdrückt.“

Grass habe sechs Jahrzehnte verschwiegen, dass er Mitglied der Waffen-SS war. Deshalb sei es jetzt nicht überraschend, dass er den einzigen jüdischen Staat zur größten Gefahr des Weltfriedens erkläre und dagegen sei, diesem die Mittel zur Verteidigung zur Verfügung zu stellen, teilte Netanjahu weiter mit.

Klaus Staeck: Grass hat das Recht auf Meinungsfreiheit

Der israelische Historiker Tom Segev schrieb in der israelischen Zeitung „Haaretz“, das Gericht sei „eher pathetisch als antisemitisch“. Es sei „ungerecht“, Israel und den Iran zu vergleichen. Im Gegensatz zum Iran habe Israel niemals damit gedroht, ein anderes Land von der Landkarte verschwinden zu lassen, schrieb Segev mit Blick auf Drohungen des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad.

In Schutz genommen wurde Grass dagegen vom Präsidenten der Akademie der Künste, Klaus Staeck. „Man muss ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden“, sagte Staeck der in Halle erscheinenden „Mitteldeutschen Zeitung“. „Die reflexhaften Verurteilungen als Antisemit finde ich nicht angemessen.“ Grass habe „das Recht auf Meinungsfreiheit auf seiner Seite“ und nur „seiner Sorge Ausdruck verliehen“. Diese Sorge teile er „mit einer ganzen Menge Menschen“.

Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Reinhold Robbe, forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf, Position in der Debatte zu beziehen. „Wenn ein Künstler wie Grass so einen Unsinn von sich gibt und Israel angreift, muss sich die deutsche Regierungschefin dazu deutlich äußern“, sagte Robbe den „Ruhr Nachrichten“. Regierungssprecher Steffen Seibert hatte am Mittwoch eine Bewertung der Regierung mit Verweis auf die Freiheit der Kunst abgelehnt.

Die außenpolitische Sprecherin der Grünen, Kerstin Müller, erklärte, das Gedicht von Grass „rührt leider all die Zutaten zusammen, die für eine kritische Auseinandersetzung nicht zuträglich sind: Pathos, Apokalypse, vermeintlicher Tabubruch, Egozentrik, und leider auch Verharmlosung“. Denn die Planungen zum iranischen Atomwaffenprogramm seien höchst alarmierend und es sei verständlich, dass sich die Regierung in Israel angesichts der antisemitischem Rhetorik Ahmadinedschads große Sorgen mache. (AFP/dapd/dpa)

Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/diskussion-um-gedicht-grass-legt-nach-und-warnt-vor-drittem-weltkrieg/6482518.html

Doch es gibt auch Zustimmung für Grass‘ Gedicht von jüdischer Seite. So kommentierte die “Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost” (gegründet am 21. Oktober 2007 als Verein: Am 9. November 2003 wurde in Berlin unter dem Namen “Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost” die Sektion der Föderation “EUROPEAN JEWS FOR A JUST PEACE” (“Europäische Juden für einen gerechten Frieden”) in den Räumen des Hauses der Demokratie und der Menschenrechte ins Leben gerufen. Die “Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost” handelt auf der Grundlage der Gründungserklärung der “EUROPEAN JEWS FOR A JUST PEACE” (EJJP), die im September 2002 in Amsterdam von 18 jüdischen Organisationen aus 9 europäischen Ländern verabschiedet wurde. Als assoziiertes Mitglied der Föderation will sie über die Notwendigkeit und Möglichkeit eines gerechten Friedens zwischen Palästina und Israel informieren. Ihre wesentliche Aufgabe sieht sie darin, darauf hinzuwirken, dass die Bundesregierung ihr außenpolitisches und ökonomisches Gewicht in der Europäischen Union, in den Vereinten Nationen und nicht zuletzt auch in Nahost nachdrücklich und unmissverständlich im Interesse der Herstellung eines lebensfähigen, souveränen Staates Palästina auf integriertem Hoheitsgebiet und innerhalb sicherer Grenzen nutzt und aktiv zur Verwirklichung eines dauerhaften und für beide Nationen lebensfähigen Friedens beiträgt):

Stellungnahme zum Gedicht von Günter Grass

Publiziert am 5. April 2012 von Vorstand

„Was gesagt werden Muss …“ und nicht verschwiegen werden darf

Stellungnahme der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V. zum Gedicht von Günter Grass

Wir, die Mitglieder der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost, gratulieren Günter Grass für seine aufrichtige Aussage in bezug auf die Atompolitik Israels. Auch wenn Günter Grass durch sein langes Schweigen über seine ehemalige Angehörigkeit zur Waffen-SS Glaubwürdigkeit in Sachen NS-Aufarbeitung einbüßt, so zeigt die hysterische Reaktion jüdischer und nicht-jüdischer Deutscher deutlich, dass er ins Ziel getroffen hat. Mit Recht weist Grass auf die überlegene Stärke der vierten Atommacht des Staates Israel und die Gefahr eines tödlichen Kriegs, der mit oder ohne Unterstützung der USA den ganzen Nahen Osten in Mitleidenschaft ziehen und möglicherweise auf die restliche Welt übergreifen würde. Der Wunsch der im Iran Herrschenden, dass das “zionistische Regime” verschwinden möge, hat seine genaue Entsprechung im Wunsch der USA und Israels, dass das “islamistische Mullah-Regime” verschwinden möge. Unsere Medien und Politiker verteufeln das eine als “Vernichtungsdrohung gegen die Bevölkerung” und spielen das andere als “berechtigte Forderung” herunter.

Wir verteidigen das Recht aller deutscher Bürger und Bürgerinnen die menschenverachtende Politik des Staates Israel zu kritisieren, ohne als Antisemiten diffamiert zu werden. Diese Taktik dient nur dazu, jegliche Kritik an der israelischen Politik abzuwürgen, wie auch vom real existierenden Antisemitismus abzulenken. Ein „jüdischer“ Staat sollte und wollte ein Staat sein wie jeder andere und als solcher Muss auch Israel Menschenrechte respektieren und sich dem Völkerrecht beugen, ohne wegen der Vergangenheit einen Ausnahmestatus zu beanspruchen. Wie Günter Grass unterstreicht, sollte gerade Deutschland sich nicht zum Handlanger einer neuen Katastrophe machen. In diesem Zusammenhang ist es mehr als bedenklich, dass die von der Bundesrepublik an Israel gelieferten U-Boote mit atomaren Sprengköpfen aus gerüstet werden können. Auch deshalb beobachten wir die Waffenlieferungen der Bundesregierung an Israel mit Sorge und fordern diese auf, den nötigen Druck auszuüben, auch durch Sanktionen, um Inspektionen und Kontrollen des israelischen Atomprogramms zu ermöglichen wie für jedes andere Land üblich ist. Als Jüdische Stimme befürworten wir einen atomfreien Nahen Osten.

Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.

05.04.2012

Nicht in unserem Namen!
Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost

Quelle_ http://www.juedische-stimme.de/?page_id=4

Günter Grass scheint wohl weiter zu seinem „irren“ Gedicht zu stehen, mit einem Unterschied: heute würde er darin nicht mehr von „Israel“ sprechen, sondern von Israels „Regierung“.

Dennoch bleibt die Grundfrage: dürfen Deutsche, die mit und im Nazi-Regime für das grauenvollste Verbrechen der Zeitgeschichte verantwortlich waren, nämlich den Holocaust, der Vernichtung von über sechs Millionen Juden, Israel bzw. Israels Regierung heute kritisieren?

Auf die Kommentare bin ich gespannt.

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